Mit Bewegung das Gehirn stärken

Bewegung ist gut für den Körper, aber auch für Geist und Seele – nur warum eigentlich? Die körperliche Aktivität hilft dem Gehirn bei der nötigen Erholung. Auch die Konzentrationsfähigkeit kann durch Bewegung gesteigert werden. Doch nicht jede Sportart kann uneingeschränkt empfohlen werden.

Im Prinzip funktioniert unser Gehirn ähnlich wie ein Netzwerk. Je mehr Gedanken wir uns machen und je mehr bei uns im Gehirn verarbeitet wird, desto langsamer arbeitet unser Gehirn. Irgendwann ist es überfordert und man kann sich nicht mehr konzentrieren oder keinen klaren Gedanken mehr fassen. Dagegen hilft Aktivität, denn das berühmte „Kopf frei-Bekommen“ ist nicht nur ein Spruch: Bewegung fährt die Aktivität des Gehirns herunter, vor allem des präfrontalen Kortex, der für kognitive Aufgaben zuständig ist. Gleichzeitig werden durch Bewegung Kapazitäten im Hirn freigemacht.

Dieses Herunterfahren der Gehirnaktivität und Einsparung von Ressourcen ermöglicht wiederum eine gesteigerte Konzentrationsfähigkeit. Um aber langfristig einen positiven Effekt zu erzielen, regelmäßige aktive Betätigung nötig. Die Arbeitsgruppe Bewegungs-Neurowissenschaft der DSHS empfiehlt daher eine kleine Joggingrunde in der Mittagspause oder eine Schulstunde Sport in der Mitte des Schultages. Allerdings ist, wie so häufig, zu viel auch nicht gut: Übermäßiger Sport lässt den Effekt vermutlich ins Negative umschlagen und beeinträchtigt die Konzentrationsfähigkeit sogar. Von sehr intensiven Einheiten ist daher abzuraten, wenn man sich anschließend noch konzentrieren muss.

Gute Sportarten und Routinen

Sport soll Spaß machen und keine Qual sein, nur dann macht man ihn auch freiwillig. Spaß am Sport und eine relativ leicht aufrecht zu erhaltende, aber fordernde Intensität sind die besten Voraussetzungen dafür, die Gedanken abzuschalten. Das hat das Team der Arbeitsgruppe Bewegungs-Neurowissenschaft der Uni Köln in bisherigen Studien herausgefunden. „In einer Gruppe von Freizeitläufern wurde die Deaktivierung der frontalen Gehirnregionen nur nach Laufen mit moderat-intensiver Intensität gefunden. Jedoch nicht nach Krafttraining und nicht nach geringer Intensität. Unklar ist allerdings noch, ob dies ein Effekt des Trainings ist oder der Präferenz. Hat sich das Gehirn also einfach daran gewöhnt und muss deswegen während des Laufens weniger aufmerksam sein, oder können wir besser abschalten, wenn wir den Sport gerne machen? Das ist noch die offene Frage.

Ebenso können anspruchsvolle Sportarten, die beispielsweise die Koordination schulen oder mehrere Fähigkeiten gleichzeitig beanspruchen, von anderen Gedanken ablenken. Man kann also auch hier den Kopf frei bekommen. Doch es stellt sich dabei die Frage, was während oder nach dieser hochintensiven Belastung geschieht. Das Gehirn ist anschließend eventuell zu erschöpft ist, um effektiv zu arbeiten. „Generell ist fordernd, nicht überfordernd und nicht längere Zeit unterfordernd die beste Empfehlung bezüglich der Intensität.“

Ab und an neue Sportarten auszuprobieren, ist ebenfalls eine Möglichkeit den Denkapparat zu trainieren. Wie Muskeln passt sich nämlich auch das Gehirn an Reize und Belastungen an. Das bedeutet, dass neue Reize auch mit Veränderungen im Gehirn verbunden sind. Andererseits gilt: Was nicht gebraucht wird, wird abgebaut, etwa wie Muskelmasse abgebaut wird, wenn wir uns nicht oder im geringeren Maße bewegen. Wird das Gehirn also regelmäßig gebraucht, baut es sich nicht ab. Dies ist zum Beispiel für Alterungsprozesse interessant.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das „Herunterfahren“ des Gehirns durch Aktivität entspricht keiner Nicht-Beschäftigung. Es besteht also kein Widerspruch, weil das Gehirn nur für eine kurze Zeit infolge einer sehr hohen Belastung gedrosselt wird, um anschließend wieder mehr Ressourcen für hohe Leistungen zu haben, ähnlich wie es zum Beispiel durch unseren regelmäßigen Schlaf geschieht. Das Gehirn bleibt dabei jedoch in Benutzung. Also eine Deaktivierung für kurze Zeit ist sicherlich nicht gleichzusetzen mit einer langfristigen Nicht-Stimulation oder einem Leben unter geringen Reizen oder Ähnlichem.

Langsamer altern durch Bewegung

Die Studie „Bewegtes Alter“ der Jacobs University Bremen, deren erste Ergebnisse im August 2008 vorlagen, zeigte, dass sportlich aktive Senioren ihr Hirn effektiver nutzen können. Ein Jahr lang machten sie dreimal pro Woche Sport, eine Gruppe betrieb Nordic Walking, eine andere Koordinations- und Gleichgewichtstraining. Trotz einer schnelleren Denkleistung mussten für die anschließend gestellten Aufgaben weniger Gehirnareale aktiviert werden. Selbst leichte sportliche Aktivitäten, wie Sitzgymnastik oder zügiges Spazierengehen bringen Fortschritte. Die Gruppe der Senioren, die nur Entspannungs- und Dehnungsübungen absolvierte, erzielte im Gehirn dagegen keine Verbesserungen.

In Tierversuchen konnte bereits nachgewiesen werden, dass freiwillige sportliche Betätigung die Ausschüttung von Wachstumshormonen sowie neurotrophen Nervenwachstumsfaktoren im Hippocampus, einer wichtigen Schaltstelle im Gehirn, beeinflusst. Diese Hormone regen das Zell- und Nervenwachstum an. In einzelnen Studien konnte dies auch auf den Menschen übertragen werden, allerdings ist hier ein Nachweis deutlich schwieriger. Man kommt an das Gehirn schlecht ran und die Blut-Hirn-Schranke verhindert, dass viele Hormone oder Faktoren in den übrigen Kreislauf gelangen, wo man sie nachweisen könnte. Doch aktuelle Forschungen geben Anlass zu positiven Aussagen bezüglich der gesunden Auswirkung von Bewegung auf das Nervenwachstum.

Schlechte Sportarten

Einen Haken gibt es an der Sache: Nicht jeder Sport ist uneingeschränkt gesund für das Gehirn. Vor allem Extremsportarten in höheren Lagen, wo eine mangelnde Sauerstoffversorgung herrscht, belasten den Körper sehr. Sowohl die Herz-Kreislauf-Funktion als auch das Gehirn sind gefährdet. Beides kann miteinander in Zusammenhang stehen, denn wenn eine Sauerstoffunterversorgung im Gehirn vorliegt, kann dies die Ursache für ein Zusammenbrechen der Herz-Kreislauf-Funktion sein.

Problematisch sind ebenso Sportarten, bei denen der Kopf häufiger Erschütterungen und anderen Verletzungen ausgesetzt ist. Sie können auch zu Schädigungen im Gehirn führen. Paradebeispiel ist hier das Boxen aber auch andere Kontaktsportarten bergen ein Risiko. Eventuell kann das Gehirn auch von Kopfbällen im Fußball einen Schaden nehmen. Was aber nicht heißen soll, dass Fußball generell schädlich ist.

Sport macht glücklich

Das so genannte Glückshormon Endorphin ist ein Opiat, das, ähnlich wie eine Droge, ein Glücksgefühl verleiht. An der Uniklinik Bonn konnte in einer Studie von Prof Dr. Boecker nachgewiesen werden, dass ein zweistündiger Ausdauerlauf ein Gefühl von Euphorie verursacht. Der Grund dafür ist die Bindung von Opiat-Rezeptoren vor allem in frontalen und limbischen Gehirnarealen, die für unsere Stimmungslage zuständig sind. Unter dem Begriff „Runner’s High“ ist dies ein bekanntes Phänomen. Laut Dr. Abeln ist aber strittig, wann Endorphine im Gehirn ausgeschüttet werden und welche Belastungen dafür von Nöten sind. Das „Runner’s High“ ist ein seltenes Phänomen und hält zudem nicht besonders lange an.

Aber man muss kein „Runner’s High“ empfinden, um gut gelaunt zu sein. Allgemein hat Sport eine positive Auswirkung auf die Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Stimmung und das Wohlbefinden und kann zum Beispiel positiv auf Angst, Schmerz und Depressionen wirken. Dieser positive Effekt scheint bei regelmäßiger aktiver Betätigung langfristig zu sein.

Fazit: Sport tut gut

Betrachtet man die verschiedenen Auswirkungen, die Bewegung auf das Gehirn hat, ist Sport gesund. Wer also bisher Sport gemacht hat, um seinen Körper zu Formen, Muskeln und Ausdauer zu trainieren und gesund zu bleiben, der kann sich darüber freuen, auch dem Gehirn etwas Gutes getan zu haben. Alle Sportmuffel sollten sich spätestens jetzt aufraffen, denn wer Sport treibt, hat offensichtlich auch Köpfchen.