Wenn Menschen zu mir in die Feldenkrais Praxis kommen

Sind die folgenden Prinzipien, Denkmodelle und theoretischen Begründungen weg-weisend für die Zusammenarbeit.

 

Jedes Individuum ist einzigartig.

Ich betrachte jeden Klienten als eigenständiges menschliches Wesen, das ich in seiner Einzigartigkeit anerkenne. Im Gegensatz zu anderen methodischen Ansätzen gibt es keine Charakterkartografie oder Schablonen, die den Anspruch erheben, gefühlsmäßige Reaktionen mit verschiedenen Körperzonen in Beziehung zu setzen (Rückenschmerzen = Ärger, Brustverspannungen = Traurigkeit etc.). Ich beginne jede Sitzung mit meinen Klienten ohne einen von mir vorgefassten Plan und wähle aus dem Spektrum von verbaler Interaktion, Imagination und Bewegung diejenigen Elemente, die den einzigartigen Weg des Klienten zu Wachstum und Veränderung unterstützen.

 

Körper, Seele, Geist und Gefühl sind Teil eines dynamischen Systems.

Die Tatsache, dass Körper und Geist und Seele miteinander in Verbindung stehen – vor 30 Jahren noch ein revolutionärer Gedanke, heutzutage ein Gemeinplatz – ist Grundlage vieler Therapien. Wesentlich ist daran, dass jegliche Veränderung, die auf einer bestimmten Ebene des menschlichen Seins stattfindet, sich wie eine Wellenbewegung im gesamten physischen, emotionalen, mentalen System fortpflanzt und damit das Gleichgewicht des gesamten Menschen verändert. Bewegung und Haltung werden Ausdruck unserer Beziehung zu uns selbst – und zur Welt.

 

Bewusstheit ist der Schlüssel zur Veränderung.

Jeder von uns weist physische und emotionale Muster auf. Doch unter Umständen erkennen wir ihre Wirkung auf unser Leben nicht, weil wir sie unbewusst erlernt haben. Um sie verändern zu können, müssen wir sie erst einmal wahrnehmen. Durch Bewegung, verbale Interventionen und schöpferisches Experimentieren werden wir uns unserer Gewohnheitsmuster in erhöhtem Maße bewusst und können andere Lebensentscheidungen treffen.

Jeder Mensch verfügt über persönliche Muster. Sobald man ihrer gewahr wird, ist man bereits dabei, sie anzunehmen und zu verändern.

 

Veränderung geschieht in der Gegenwart.

Ob man sich an die Vergangenheit erinnert oder Zukunftsfantasien hegt -Veränderung findet in der Gegenwart statt. Wenn in einer Feldenkrais-Sitzung Erinnerungen an vergangene schmerzliche Erfahrungen auftauchen, kann der Klient sie durch Imagination und Visualisierung noch einmal durchleben. Nach einiger Zeit kann er die erinnerten Ereignisse seiner Vorstellung und seinem Körper neu einprägen und sie aus einer anderen Perspektive sehen – ein Prozess, der sich erheblich von der alleinigen Betrachtung durch Reden und Deuten unterscheidet. So kann er unerledigte Gefühlsangelegenheiten bereinigen und neue Einsichten in sein heutiges Leben integrieren. Indem er – körperlich und kognitiv – die düstere Vergangenheit erneut betrachtet, kann er bislang verleugneten oder ungelösten Schmerz bewältigen.

 

Jeder trägt selbst Verantwortung für seine Veränderung.

Bewusstheit ist Voraussetzung für Veränderung, doch sie allein genügt nicht. Der alte Witz besitzt immer noch Gültigkeit: »Wie viele Psychotherapeuten sind nötig, um eine Glühbirne auszuwechseln?« Pause. »Einer … aber nur, wenn die Birne einverstanden ist.« Den Austausch muss man wollen; man kann von niemandem dazu gezwungen werden. Manchmal ist es gerade die Weigerung, sich zu ändern, die Menschen aufrechterhält, selbst wenn darin ihre Störung begründet ist. Ein Feldenkrais-Therapeut kann lediglich die Störung – sei sie emotional oder physisch – erkennen helfen und die Klienten allmählich zu einem neuen Verhalten begleiten, das die früheren Muster ersetzt. Das ist ein behutsamer Prozess.  

Aus Respekt vor dem eigenen Standpunkt der Klienten erzwingen Feldenkrais-Therapeuten keinen Zugang. Darin besteht der Unterschied zum Rolfing und anderen Formen der Körperarbeit. Wenn es zu Lösung und Veränderung kommt, so sind sie vom Klienten – gewisser-maßen von innen nach außen – herbeigeführt und nicht durch den Therapeuten erzwungen. Im besten Fall dient die verbale Begleitung als Katalysator für die Wandlung des Klienten.

 

Menschen haben eine natürliche Fähigkeit zur Selbstheilung.

Jeder Klient verfügt über die Fähigkeit zur Selbstheilung, die nur auf ihre Aktivierung wartet. Ein Grundsatz der Gestaltpsychologie schreibt jedem Organismus die Fähigkeit zu, innerhalb seiner selbst und im Austausch mit der Umwelt ein Höchstmaß an heilendem Gleichgewicht herzustellen. Eine Harvard-Studie von 1995 zeigt beispielsweise, dass es genügt, sich an das Gefühl zu erinnern, für jemanden zu sorgen oder von einem geliebten Menschen umsorgt zu werden, um das Niveau der Antikörper Immunglobulin A ansteigen zu lassen und eine Stunde lang auf hohem Niveau zu halten. Andere Studien weisen eine Verbindung zwischen Einsamkeit und verringerter Zellimmunität nach.

Dr. Candace Pert hat bei ihrer Erforschung der Neuropeptide (Hormone, die die Kommunikation zwischen Gehirn und Körperzellen steuern) herausgefunden, dass das limbische System – der Teil des Gehirns, der für Stimmungen und Gefühle zuständig ist – über die vierzigfache Menge an Neuro-peptidrezeptoren verfügt wie andere Gehirnregionen. Inzwischen ist vielfach wissenschaftlich belegt, dass Körper und Geist chemisch wie physiologisch interagieren. Durch eine Tätigkeit, die sowohl den Körper als auch die Gefühle anspricht, werden die Selbstheilungskräfte des Klienten angeregt, denn sie verschafft ihm Zugang zu dem Hirnzentrum, in dem seine tiefsten emotionalen Erfahrungen verschlüsselt sind.

 

Die Lebenskraft des Körpers ist wahrnehmbar.

Nach mehreren Jahren meiner beruflichen Laufbahn bemerkte ich ein erstaunliches Phänomen: Ich konnte das Energiemuster eines Menschen lesen und erkennen. So hat z. B. »gestaute« Energie eine dichte und träge Qualität. Beim Durcharbeiten von Gefühlen und Erinnerungen, die mit einem Körperbereich in Verbindung stehen, verändert sich die Energie eines Klienten rasch. Zuvor blockierte Bereiche beginnen zu pulsieren; Muskeln werden weicher und entspannen sich. Wenn wir unser Tempo verlangsamen und genau wahrnehmen, erschließen wir uns die Erfahrung dieses Energiefeldes, einer Lebenskraft, die uns allen innewohnt.

 

Berührung ist ein lebendiges, präzises Kommunikationssystem.

Berührung ist eine raffinierte Sprache, die sowohl zuhören wie mitteilen kann. Sie umgeht Wörter und rationale Vorstellungen und unterstützt das Wachstum des Nervensystems. Sie verfeinert die fünf Sinne und fördert die Fähigkeit, sich im Raum orientieren, sich bewegen und denken zu können. Berührung ist nicht nur in der Kindheit, sondern ein Leben lang von größter Bedeutung. Botschaft und Qualität der Berührung hängen von der Absicht des Berührenden ab. Eine Berührung, die Vertrauen und Sicherheit vermittelt, kann mit dem Unbewussten des Klienten einen Dialog entstehen lassen. Schon in frühester Kindheit begreift das Baby die nonverbale Sprache der Berührung, lange bevor es Worte versteht. Bei einem Erwachsenen stellt die Kombination von Wort und Berührung die höchste Form der Kommunikation dar. Das wird besonders bei Feldenkrais Einzelstunden offenbar.

 

Der Körper ist eine Metapher.

Selbst landläufige Redensarten sind ein Beleg dafür: »Du gehst mir auf die Nerven.« »Sie liegt mir im Magen.« »Es bricht mir das Herz.« Die Betrachtung bestimmter Körperbereiche und der Dialog mit ihnen kann uns zur zentralen Lebensthematik führen. Durch genaue Wahrnehmung wird die Geschichte des Körpers vernehmbar. So bemerkte ich eines Tages, dass das eine Bein meiner Klientin gerade lag, während das andere nach rechts gedreht war. Berührung und sanftes Bewegen seiner Füße ließen den Unterschied noch deutlicher hervortreten. Es war, als wolle ein Bein auf dem geraden Weg bleiben, während das andere davon abweichen wollte. Als ich dieses Thema anschnitt, lachte sie. »Woher wussten Sie, dass ich gerade jetzt damit zu kämpfen habe, in zwei Richtungen gezogen zu werden?« Ihr Körper hatte es mir verraten.

 

Der Körper spricht die Wahrheit.

Wenn es einen Widerspruch gibt zwischen dem, was ein Mensch erzählt und dem, was sein Körper ausdrückt, so ist die Wahrheit meist im Körperlichen zu suchen. Den eigenen Körperbotschaften lauschen zu lernen, ist Voraussetzung, um sich seiner selbst bewusst zu werden. Daher ist es die Aufgabe des Feldenkrais-Therapeuten dem Klienten zu zeigen, wie er mit dem Kopf seine Körperbotschaften verstehen kann. Dieses Prinzip ist Grundlage meiner gesamten Arbeit.

 

Der Körper ist mehr als Materie.

Alles Existierende verkörpert Geist, vom kleinsten Einzeller bis zu den komplexen Systemen des Universums. Das lehren Kabbala, Yoga und andere östliche Traditionen gleichermaßen. Die natürlich fortschreitende Integration von Körper, Geist und Gefühl in der Feldenkrais-Methode kann ebenso zu sinnhaftem Wachstum führen. Oftmals sind die Klienten mit der existentiellen Suche nach Sinn beschäftigt und forschen nach Werten, die in ihren Beziehungen, Familien, in der Gemeinschaft und in der Welt Gültigkeit haben. Die Feldenkrais-methode führt immer zur Entfaltung.

 

Unterstützung der Freude als Gegengewicht zu Schmerz.

Kummer, Ärger und Schmerz sind ebenso im Körper gespeichert wie Freude, Lachen und Liebe. Die Feldenkrais-Methode setzt sich zum Ziel, Positives und Negatives zum Vorschein zu bringen und den schmerzerprobten Klienten wieder für emotionale Freude und Rehabilitation zugänglich zu machen. In The Hedonistic Neuron: A Theory of Memory, Learning and Intelligence, stellt Henry A. Klopf die These auf, das Nervensystem lerne durch Lust. Diese Theorie besagt, dass das Gehirn uns jedes Mal belohnt, wenn wir eine neue Information verstehen, indem es große Mengen Endorphine und andere lusterzeugende neurochemische Stoffe freisetzt. »Heureka!« sagen wir freudig. Um ein ausgeglichenes Leben zu führen, brauchen die Klienten den Zugang zu freudigen Ressourcen.

 

Humor kann heilen, erhellen und Klarheit schaffen.

Diese Grundwahrheit zum Thema Lust erklärt, warum Humor und Lachen eine so bedeutende Rolle in der Feldenkrais-Methode spielen. Wenn ein Klient in einer schmerzlichen Wiederholung alter Muster gefangen ist, kann Humor – nicht Sarkasmus – diese alten Muster unterbrechen. Lachen vermag Angst zu lösen, verfestigte körperliche Spannungen zu befreien und Wege zu Kreativität, Einsicht und Heilung zu weisen. Ich räume dem Humor einen besonderen Platz ein, weil ich nicht nur gern lache und andere lachen höre, sondern der Humor ein so wichtiges Instrument ist.

 

Konfusion erleichtert Wandlung.

»Fusion« bedeutet »Verbindung«. »Con« kann entweder »mit« oder »im Gegensatz zu« bedeuten. So bezeichnet das Wort »confusing« (verwirrend) sowohl ein Auseinanderstreben als auch ein Sichverbinden, Bewegungen, die für den Veränderungsprozess gleichermaßen wichtig sind. Ich ermutige Klienten, Verwirrung zuzulassen, denn man muss zur Desorganisation bereit sein, um eine Reorganisation zu ermöglichen. Eine unzweckmäßige Gewohnheit kann erst nach Unterbrechung verändert werden, und Unterbrechung bedeutet Konfusion. Wir werden ängstlich und hassen diesen Zustand, weil er oft verwirrend ist. Aber wir können nicht mit neuem Verhalten experimentieren, bevor wir nicht das Unbehagen beim Zusammenbruch unserer früheren Verhaltensweisen erfahren haben. Wir können uns nicht verändern, ohne zuerst in den Zustand der »fruchtbaren Leere« zu fallen.

 

Veränderte Bewusstseinszustände können zur Heilung führen.

Veränderte Bewusstseinszustände – insbesondere Trance – sind natürliche Phänomene, die häufiger auftreten, als allgemein angenommen wird. In einer Trance kommt es vor, dass sich die Aufmerksamkeit des Klienten auf gewisse Formen der Sinneswahrnehmung und innere Zustände konzentriert.

Bewusstseinszustände können es dem Klienten erleichtern, Kontakt mit alten körperlichen und emotionalen Erinnerungen aufzunehmen und die Fähigkeit erhöhen, mit dem unbewussten Körperlich-Geistigen in Dialog zu treten.

 

Integration ist notwendig für dauerhaften Erfolg.

Wenn die Klienten ihre neu gewonnenen Handlungsmöglichkeiten nicht in den Alltag integrieren, fallen sie mit großer Wahrscheinlichkeit in ihre alten Gewohnheitsmuster zurück. Während einer Sitzung kann Integration auf vielerlei Ebenen stattfinden: in Wort und Bewegung, Empfindung und Gefühl, durch Gedächtnis und Bilder. Die Kunst besteht darin, sie außerhalb der Sitzung fortzusetzen, Vergangenheit und Gegenwart, alte und neue Gefühlswelten zu verschmelzen und auf dem Weg zur Freude auch dem Schmerz ins Auge zu schauen. Es gibt keinen Erfolg ohne Integration, und die kann nur stattfinden, wenn der Klient außerhalb der Sitzungen weiter macht.