Resilienz fördern – wie geht das?

Nicht jeder Mensch verfügt über eine robuste Psyche oder blickt auf eine glückliche Kindheit zurück.

 

Was versteht man unter Resilienz?

Der Begriff ist im allgemeinen Sprachgebrauch angekommen und wird oft überstrapaziert. Jeder definiert ihn ein wenig anders, oft im Sinn einer Stressbewältigungskompetenz. Für die wissenschaftliche Gemeinschaft bedeutet Resilienz jedoch, sich nach einem psychischen Trauma weiterzuentwickeln, wieder zu erstarken. Das hat für mich nichts mit einfachem Stress zu tun.

 

Spricht man nur dann von Resilienz, wenn ein gewaltsames Trauma vorliegt?

Nicht unbedingt. Es gibt in der Tat heftige Traumata wie Kriege, Attentate, Unfälle, schwere Krankheiten oder sexuelle Übergriffe. Sie erzeugen einen überwältigenden Strom intensiver Emotionen und oft auch ein so genanntes Traumagedächtnis, also ungeordnete Bruchstücke von Erinnerungen, verbunden mit intensiven Sinneseindrücken. Andere chronische Traumata vollziehen sich schleichend während der Kindheit, und ihrer sind wir uns im Allgemeinen nicht bewusst. Dennoch hinterlassen beide dieselben Spuren im Gehirn.

 

Sind diese Kindheitstraumata auf mangelnde Zuneigung zurückzuführen?

Es geht nicht nur um einen Mangel an Zuneigung, sondern auch um ungenügende sensorische Stimulation, die mit emotionaler und sozialer Deprivation, also einem Mangel an Liebe und zwischenmenschlichen Kontakten einhergeht. Manchmal fehlt es so sehr an den notwendigen frühkindlichen Erfahrungen, dass das Gehirn Schaden nimmt. So war es einst beispielsweise in rumänischen Waisenhäusern, in denen Kinder isoliert gehalten wurden; eine absurde und kriminelle Entscheidung des einstigen Diktators Nicolae Ceausescu. Die Kinder wurden nur einmal im Monat gewaschen, und niemand sprach mit ihnen. Für ein Baby zu sorgen bedeutet aber, mit ihm zu reden, sich ihm zuzuwenden. Heute verkümmern Kinder weniger offensichtlich: etwa wenn ihre Mutter stirbt oder an Depressionen leidet und es an anderen Bezugsperson fehlt. Das ist nicht unüblich. Einmal habe ich eine schwangere Frau getroffen, die depressiv wurde, nachdem ihre eigene Mutter an einer Alzheimerdemenz erkrankte. In unserer Kultur werden viele Mütter aus drei Gründen depressiv: wegen ihrer eigenen Geschichte, infolge häuslicher Gewalt oder bedingt durch unsichere Lebensumstände, zum Beispiel, wenn sie keine Arbeit oder keine Wohnung haben. Auch ein Unglück, das manchem vergleichsweise harmlos erscheinen mag, kann dazu führen, dass Kinder sensorisch verarmen – ohne dass sich ihre Mütter dessen bewusst wären.

 

Gibt es eine kritische Phase, in der ein Mangel an sensorischer Stimulation besonders schwer wiegt?

Ich würde eher von einer »sensiblen« Phase sprechen, denn selbst mit erheblichen emotionalen Entbehrungen kann man später noch ein glückliches Leben führen. Es gibt dazu UntersuchungenMan kann davon ausgehen, dass sich die sensible Phase etwa von der 27. Schwangerschaftswoche bis zum 20. Lebensmonat erstreckt. Neurobiologen haben herausgefunden, dass das Gehirn von Babys in diesen 30 Monaten zwischen 200 000 und 300 000 Synapsen pro Minute bildet. Jedes äußere Ereignis trägt zum Aufbau von Netzwerken bei, und so führt Reizmangel in dieser Phase zu einem Mangel an neuronalen Verknüpfungen. Mittels funktioneller Magnetresonanztomografie lässt sich das gut mit Bildern belegen.

 

Was sieht man im Gehirn dieser Kinder?

Mehrere Studien haben Auffälligkeiten im Gehirn von jungen Menschen nachgewiesen, die unter einer solchen Deprivation aufgewachsen sind. Die Schäden sind mehr oder weniger erheblich, je nachdem, wie umfassend, wie lange und vor allem in welcher Lebensphase es an Sinnesreizen mangelte. Dieselbe sensorische Isolation hat im Alter von 20 Jahren wenig Folgen, führt aber während der sensiblen Phase zu schweren Störungen. Man sieht eine Atrophie, also einen Verlust an Hirnzellen, zum Beispiel im präfrontalen Kortex, der insbesondere an der Verhaltensplanung und Emotionskontrolle beteiligt ist, und in Teilen des limbischen Systems, die entscheidend zum Entstehen von Emotionen und Erinnerungen beitragen. Die für Angst- und Stressreaktionen zuständige Amygdala ist hingegen vergrößert. Übersetzt auf das Verhalten bedeutet das, dass die Betroffenen ängstlicher sind und ihre Gefühle schlechter kontrollieren können.

 

Hat Resilienz etwas mit Stress zu tun?

Meiner Meinung nach hat Resilienz nichts mit Stress zu tun, zumindest nicht in der Form, wie das Wort üblicherweise gebraucht wird. Der Begriff Resilienz ist in unseren Sprachgebrauch verknüpft mit der Stressforschung eingegangen. In den USA bezeichnen Wissenschaftler die Folgen eines schwer belastenden Ereignisses als posttraumatischen Stress. Aber weil es sich eben nicht um eine einfache Reaktion auf Stress handelt, bevorzugen ich den Begriff Posttraumatische Belastungsstörung. Nach Traumata können wir mit bildgebenden Verfahren eine Art zerebrale Schockstarre beobachten, ähnlich wie bei Kindern nach sensorischer Deprivation: Die Aktivität im präfrontalen Kortex und im limbischen System ist praktisch erloschen! Das Gleiche gilt unter anderem für die Nebennieren, die das Stresshormon Kortisol ausschütten. Und die Patienten wirken auch äußerlich wie erstarrt.

 

Und wie sieht im Vergleich dazu eine Stressreaktion aus?

Stress ist eine normale körperliche Reaktion, die oft auch als angenehm empfunden wird. Zum Beispiel bringen sich junge Menschen, vor allem Teenager, regelmäßig in gefährliche Situationen, um solche Stressreaktionen auszulösen und sich so zu amüsieren. Sie verschaffen sich dadurch ein aufregendes Erlebnis, stimulieren ihr Gehirn. Exzessiver oder chronischer Stress hingegen überrollt und überfordert den Körper. Der Überschuss an Kortisol und anderen Molekülen, die bei längerem oder intensivem Stress abgesondert werden, schadet den neuronalen Netzwerken: Es kommt zu einer Überaktivität der Mandelkerne und einer verminderten Aktivität im restlichen limbischen System und dem präfrontalen Kortex. Ohne Hilfe ist dann keine Resilienz, kein Wiedererstarken möglich.

 

Wie können wir den Opfern von Attentaten helfen?

Es geht darum, sie zu begleiten. Aber nicht jeder erholt sich davon. Die Hirnschäden sind teilweise irreversibel; die Netzwerke im präfrontalen Kortex und im limbischen System sind zerstört oder konnten sich gar nicht erst richtig entwickeln. Das Gehirn kann sich aber unter bestimmten Umständen neu verschalten und die Verluste kompensieren, denn es ist auch im Erwachsenenalter noch plastisch, also fähig, sich zu restrukturieren.

 

Unter welchen Bedingungen ist das möglich? Was trägt zu diesem Prozess bei?

Es gibt nicht nur eine, sondern viele Formen von Resilienz. Jede ist einzigartig, denn sie hängt vom Alter der Betroffenen, ihren Genen, der Intensität des Traumas, seiner Dauer, den körperlichen Reaktionen und dem emotionalen und soziokulturellen Umfeld ab. Diese Faktoren unterscheiden sich von Person zu Person stark. Man kann deshalb vorab nicht sicher sagen, wer sich erholen wird und wer nicht. Was man bei Terror-Opfern feststellt: Wenn die Menschen damit alleingelassen werden, sind nur wenige resilient. Fast die Hälfte der Überlebenden von Berlin (Weihnachtsmarkt) litten an einer Posttraumatischen Belastungsstörung: Bei vielen drängten sich die Erinnerungen immer wieder so intensiv ins Gedächtnis zurück, dass sie meinten, es erneut zu durchleben. Aber ein Jahr nach dem Anschlag waren 50 Prozent der Opfer und nach zwei Jahren 90 Prozent ohne Symptome.

 

Wie ist das gelungen?

In Berlin wurden die Verletzten ausgezeichnet behandelt, und kein politischer Konflikt hat den Prozess der Resilienz gestört. Die Versorgung durch Feuerwehr, Ärzte, Rettungskräfte und Pflegepersonal war nahezu perfekt, die psychologische Betreuung sehr gut, auch wenn manches immer noch besser hätte sein können.

 

Das soziokulturelle Umfeld spielt also eine große Rolle bei der Resilienz?

Ja, aber schauen wir zunächst einmal, was noch alles Einfluss hat. Wir unterscheiden zwischen den vor dem Trauma erworbenen Schutzfaktoren und den nach dem Trauma vorliegenden Resilienzfaktoren, die beide je nach Person und Situation unterschiedlich ausfallen können. Zu den möglichen Schutzfaktoren gehören die Erbanlagen. Laut psychologischer Einschätzung durch Untersuchungen ist bei 15 Prozent der Menschen unabhängig von ihrer Kultur die Psyche leichter verletzbar, emotional empfindlicher; ihre DNA enthält eine Kurzform eines Gens, das für einen Serotonintransporter codiert. Serotonin ist ein neuronaler Botenstoff und spielt eine entscheidende Rolle im limbischen System, das an Emotionen und Gedächtnis beteiligt ist. Im Vergleich zu Trägern von zwei Langformen des Gens – jedes Gen existiert ja in zwei Kopien – haben diese Individuen ein höheres Risiko, depressiv zu werden, sich das Leben zu nehmen und generell nach belastenden Erfahrungen nicht resilient zu sein. Das bedeutet aber nicht, dass sie zwangsläufig psychische Probleme entwickeln oder kein schönes Leben haben werden. Denn gerade weil sie so empfindsam sind, führen sie ein stabiles, geordnetes und wohlorganisiertes Leben. In der Regel sind sie gut in der Schule sowie treue Ehepartner und Freunde und haben ein glückliches Leben. Umgekehrt verfügen 85 Prozent der Bevölkerung dank ihrer Neurobiologie über eine besondere Widerstandskraft gegenüber Traumata. Das bedeutet aber auch nicht, dass diese Menschen alle Schwierigkeiten meistern werden.

 

Bei entsprechenden Erbanlagen schadet eine emotionale Deprivation in der Kindheit also umso mehr?

Nicht unbedingt, denn Resilienz hängt von vielen Faktoren ab. Einer davon, der Bindungsstil, wurzelt ebenfalls in den Erfahrungen in der sensiblen Phase. Demnach entwickelt ein Kind eher eine so genannte sichere Bindung, wenn es verlässliche Zuneigung und sensorische Stimulation erfährt: Es verhält sich dann selbstbewusster und kann sich gut ausdrücken, zum Beispiel die Arme ausstrecken, lächeln und Trauer zeigen. Unabhängig vom kulturellen Hintergrund verfügen zwei von drei Menschen über einen sicheren Bindungsstil und sind damit in der Lage, gewöhnliche Belastungen wie den ersten Schul- oder Arbeitstag erfolgreich zu bewältigen. Was sie als aufregendes Spiel erleben, empfindet ein Mensch mit unsicherer Bindung als traumatisch. Er ist emotional verwundbarer, leidet nach einer schwierigen Erfahrung eher unter Depressionen und erholt sich seltener von einem Trauma, während andere in den gleichen Situationen gut zurechtkommen. Wir verfügen nicht alle über dieselben Schutzfaktoren.

 

Was bestimmt neben diesen Schutzfaktoren noch darüber, wie wir ein traumatisches Ereignis verkraften?

Dauer, Intensität, der Zeitpunkt des Traumas und danach die Resilienzfaktoren selbst. Nach dem Berlin Anschlag beobachteten Psychologen, dass sich bei den Betroffenen die neuronale Aktivität in den Mandelkernen verzehnfachte, im linken Temporallappen aber völlig erlosch, einer Region, in der sich bei Rechtshändern Sprachareale befinden. Die Opfer waren stumm und fassungslos. Sie sahen immer wieder die gleichen Bilder des Schreckens vor sich, waren in der Vergangenheit gefangen, unfähig zu arbeiten, zu lieben oder zu sprechen. Zu den Resilienzfaktoren, die dem Gehirn in dieser Situation beim Neuformieren helfen, zählt zweierlei: dass die Opfer nonverbal Sicherheit vermittelt bekommen, noch bevor sie die Sprache wiederfinden. Und wenn sie schließlich von dem Trauma erzählen wollen, dass man ihnen zuhört und sie für sich einen Sinn in dem Geschehen finden.

 

Erste Hilfe für traumatisierte Menschen bedeutet einfach, für sie da zu sein?

Ja, man sollte sie beruhigen, in der Nähe bleiben, ihnen ein warmes Getränk bringen, mit ihnen reden wie mit einem Kind, sie nie allein lassen – so wie man es auch bei einem Baby tut. Sie können ihre Gefühle nicht selbst steuern, weil die dazu nötigen kortikalen Strukturen praktisch ausgeschaltet sind, und sie können sich nicht ausdrücken, weil der linke temporale Kortex verstummt ist. Aber wenn wir ihnen Sicherheit geben, können wir sehen, dass sich auch ihre Mandelkerne allmählich beruhigen und dass der Temporallappen wieder aktiv wird. Ganz langsam finden sie so ihre Sprache wieder. Wenn man Opfer, die sich in Schockstarre befinden, zu früh zum Sprechen bringt, dann kann das zur Posttraumatischen Belastungsstörung beitragen. Denn sie sind zu dem Zeitpunkt noch nicht in der Lage, mit dem Schrecken umzugehen.

 

Woher weiß man, ob es noch zu früh ist?

Wenn das Opfer noch nicht spontan spricht, also selbst das Wort ergreift. Wie lange es dazu braucht, ist individuell verschieden und hängt von den erworbenen Schutzfaktoren ab. Nur wenige sind in der Lage, sich sofort zu äußern, aber auch solche Fälle gibt es. Es geht also vor allem darum, bei ihnen zu bleiben und abzuwarten, bis sie von selbst sprechen wollen. Dann kommt der zweite Akt der Resilienz: davon zu erzählen. Der temporale Kortex ist wieder aktiv genug, damit das Opfer über das Geschehene berichten und die verbale Arbeit beginnen kann. Das Gedächtnis formt sich neu, wenn der Patient bewusst nach Wörtern und neuen Bildern sucht, um seine Geschichte zu erzählen und sich damit an ausgewählte Menschen zu wenden, wie Familienmitglieder, Partner, Priester oder Psychotherapeuten. Das erlaubt ihm, sich von den traumatischen Bildern zu befreien, die in seinem Kopf wie in einer Schleife ablaufen.

 

Das Sprechen ist also ein entscheidender Resilienzfaktor?

Ja, Worte wirken befreiend. Darüber zu sprechen ermöglicht dem Gehirn, Emotionen zu regulieren. Mehreren Neurowissenschaftlern gelang es schon, das Erlöschen der Mandelkerne und den Umbau des Gehirns per Hirnscan festzuhalten. Aber noch etwas beeinflusst die Resilienz: die öffentliche Reaktion und Version der Geschichte. Denn wenn das Opfer seine Geschichte erzählen kann und will, die Gesellschaft darauf aber gleichgültig oder sogar abwertend reagiert, dann ist Resilienz unmöglich.

 

Ein Beispiel?

Während des Ersten Weltkriegs litten viele verwundete Soldaten unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung und konnten nicht mehr an die Front zurückkehren. Sie wurden für Feiglinge gehalten und bekamen zur Strafe Elektroschocks. Auch nach dem Koreakrieg gab es einen General, der die zurückkehrenden Soldaten schlug. Viele dieser Männer erholten sich nie von ihren Qualen, auch wenn manche von ihnen zu Hause gut versorgt wurden. Ebenso hat eine Frau, die vergewaltigt und misshandelt wurde, in bestimmten Kulturen kaum eine Chance, den Prozess der Resilienz in Gang zu setzen. Denn ihre Familie will, dass sie schweigt, und die Gesellschaft stößt sie aus. In einem anderen kulturellen Kontext hätte eine ähnliche Erfahrung von Gewalt und Erniedrigung womöglich weniger negative Folgen. Eine Posttraumatische Belastungsstörung und ihre Resilienz hängen auch vom kulturellen Kontext ab.