Das Reptiliengehirn: Sein oder Nichtsein

Stress — eine neue Definition

Wer in der Fachliteratur nach einer Stress-Definition sucht, wird reichlich belohnt: Je länger er sucht, desto mehr Definitionen findet er! Dies erklärt sich aus der Tatsache, dass Hunderte von Forschern in nun mehr als 50 Jahren in Tausenden von Versuchen und Testreihen einzelne Puzzlestückchen zum Gesamtbild »Stress« zusammengetragen haben und dass jede der vielen Definitionen ein Stückchen Wahrheit beinhaltet. Erst jetzt wird es langsam möglich, das Puzzle zusammenzusetzen, um sich ein Bild zu verschaffen; allerdings bleiben auch heute noch einzelne Flecken übrig, die noch nicht erfasst werden konnten.

Was sich jedoch ganz klar aus den Forschungen der Medizin, der Biochemie und der Neurophysiologie ergibt, ist folgende Tatsache:

Wenn das Überleben, die eigene Sicherheit oder die Arterhaltung gefährdet werden, reagiert zunächst einmal jeder Organismus gleich: Er begibt sich in einen Zustand des Kampfes oder der Flucht, um der Gefahr zu entrinnen. Stößt er später wieder auf dieselbe Situation, trachtet er, diese zu vermeiden.

Dieser Mechanismus funktioniert bei einer Eidechse genauso wie beim Homo Sapiens, weil beide einen besonderen Gehirnteil besitzen, der ihn auslöst; wiewohl wir bei Menschen natürlich noch weitere Gehirnteile finden, die es ihm ermöglichen, über solche Vorgänge (unter Zuhilfenahme eben dieser Gehirnteile!) auch nachzudenken.

Das urzeitliche Tier-Wesen, das unser aller Vorahn war, kannte nur klar umrissenen Gefahrenmomente: ein wildes Tier, zu große Kälte, Abwesenheit von Nahrung u. ä. Zu diesem Zeitpunkt wäre eine Stress-Definition noch einfach gewesen:

 

Nichtbefriedigung vitaler Bedürfnisse gleich Stress

Je komplizierter und komplexer ein Organismus aber wird, desto komplizierter und komplexer werden auch seine Bedürfnisse. Daher kann ein moderner Mensch »Stress« empfinden, wenn man ein Stück Papier zerreißt, auf dem er eben eine Zeichnung angefertigt hat. Der Urmensch kannte kein Papier, er konnte noch nicht zeichnen (Höhlenmalereien entstanden erst viel später), und er kannte auch noch keinen Stolz auf eigene, kreative Leistungen.

Weiter spielen Lernprozesse bei der Stress-Definition eine sehr wichtige Rolle. A. kann eine Situation als bedrohlich empfinden, in der man ihn zwingt, zu viele Entscheidungen treffen zu müssen, B. hingegen kann unter »Stress« leiden, weil er zu wenige Entscheidungen treffen darf!

Um die Vielfalt des Stress-Geschehens zu verstehen, müssen wir daher einige Informationen zur Kenntnis nehmen, ohne die eine individuelle, für jeden einzelnen persönlich zutreffende Stress-Analyse unmöglich ist. Nur wenn du die dem täglichen Erleben zugrundeliegenden »gemeinsamen Nenner« kennst, kannst du die Schlussfolgerungen ziehen, die dir helfen werden, deinen persönlichen Stress richtig zu definieren!

 

Stress und Stress

Es gibt prinzipiell zwei Arten von Stress. Es gibt den negativen, schädlichen, lebens-zerstörenden Stress, den Distress, und den positiven, vitalisierenden und lebens-notwendigen Stress, den Eustress (abgeleitet von griechisch »eu« = »gut«). Ersteren gilt es weise dosieren zu lernen, letzteren hingegen bewusst zu suchen. Ersterer bringt Leid, letzterer Freude in unser Leben. Ersterer Krankheit, Depressionen, Einsamkeit und funktionelle Neurosen aller Art; letzterer Gesundheit, Zufriedenheit, Glück, ja sogar Ekstasen!

 

Das Gehirn: Schlüssel des Stress-Geschehens

Ich deutete bereits an, dass der Mensch mehr Gehirn hat als die Echse. Daher unterscheiden wir das URhirn (auch Althirn genannt), dessen Funktionen sich von dem eines Echsenhirns kaum unterscheiden — und das NEUhirn (auch Großhirnrinde, Rindenhirn oder Kortex genannt), das die Entstehung des Homo sapiens ermöglicht hat. Des Weiteren müssen wir noch das limbische System (auch Viszeralhirn genannt) in unsere Diskussion miteinbeziehen, da dieses die alten und neuen Gehirnteile miteinander verbindet. Hier laufen außerdem einige wesentliche, lebensnotwendige Gehirnfunktionen ab, die für das Stress-Geschehen von ungeheurer Wichtigkeit sind.

Da wir hier keine exakte Gehirnforschung betreiben, sondern lediglich notwendiges Wissen für die Lösung des Stress-Problems in einfache Denkmodelle umsetzen wollen, werden wir das Neuhirn von nun an einfach als das »Denkhirn« bezeichnen (weil seine wichtigste Funktion das Denken darstellt), das Urhirn jedoch als das »Reptiliengehirn«, wenn wir Funktionen besprechen, die denen des Reptils tatsächlich entsprechen.

Im täglichen Leben gehen wir oft von einer völlig falschen Grundannahme aus: Der Mensch hat ein Denkhirn, demzufolge denkt er, demzufolge beruht sein gesamtes Verhalten (inkl. aller Entscheidungen, die er trifft) auf den Funktionen eben dieses Denkhirns. Dies ist ein Irrtum, der eine gefährliche Schlussfolgerung nach sich zieht: Da mein Mitmensch auch ein Denkhirn hat und denken kann, nehme ich automatisch an, dass auch sein Verhalten auf Denkprozessen beruht; daher gehe ich von der Annahme aus, dass jeder Aspekt seines Verhaltens von ihm gewünscht und vorher bedacht wurde.

Diese Annahme ist deshalb so gefährlich, weil sie uns eine falsche Einstellung zu uns selbst und zu anderen vermittelt. Wir können viele Situationen nicht halb so realistisch einschätzen, wie wir meinen, weil dieser Denkfehler uns gewissen Faktoren gegenüber »blind und taub« macht.

Denn: Das Denkhirn kann nur dann funktionieren, wenn die Basisbedürfnisse der alten Hirnteile befriedigt worden sind. Je weniger dies der Fall ist (z. B. durch Krankheit, Müdigkeit, Gefährdung der inneren Sicherheit etc.), desto mehr Energien werden dem Denkhirn »entzogen«, weil das Reptiliengehirn diese Energien zur Wiederherstellung der biologischen Gleichgewichts benötigt. Erst ein gesunder und ausgeglichener Mensch kann beginnen, sein Denkhirn wirklich richtig einzusetzen.

Also ist für die Selbst-Inventur ein Verständnis dieser Basis-Bedürfnisse der erste wichtige Schritt.

 

Basisbedürfnisse des Reptiliengehirns

Dass der Mensch Nahrungs- und Sauerstoffzufuhr benötigt, dass die Nahrung verdaut und wieder ausgeschieden werden muss und dass auch der fleißigste Mensch zwischendurch schlafen muss, um zu überleben, setzen wir als bekannt voraus. Darüber hinaus aber müssen gewisse weitere Grundbedürfnisse befriedigt werden, wenn leibliches und seelisches Wohl nicht akut gefährdet werden sollen. Eine totale Nichtbefriedigung dieser Bedürfnisse führt sogar zum Tode.

 

  1. Hunger nach Stimulierung

Außer Nahrung und Sauerstoff braucht ein Organismus einen ständigen Strom von Reizen Stimulus (Mehrzahl Stimuli), die von den Sinnesorganen zum Gehirn geleitet und dort analysiert werden. Mache einmal folgendes Experiment: Verbinden dir die Augen, stopfe dir Ohropax in die Ohren, ziehe drei oder vier Paar dicke Handschuhe (Fäustlinge) an und bewege dich dann einige Minuten lang in der Wohnung.

Wiewohl du noch immer eine ungeheure Menge an Stimuli erhältst (Wahrnehmung des eigenen Körpergefühls, vermindertes, aber noch vorhandenes Tastempfinden, Körpertemperatur, Wahrnehmung der eigenen Position zum Raum, also ob du stehst, sitzt oder liegst), fühlst du dich extrem behindert, um nicht zu sagen verunsichert. Denn: Der ständige Reizstrom soll dem Organismus dazu verhelfen, sich in Bezug auf seine Umwelt ständig orientieren zu können. Wird diese Orientierung unterbrochen, so signalisiert das Reptiliengehirn dies sofort durch die sog. OR (= Orientierungs-Reaktion), die von manchen Autoren auch die Kampf-, Flucht- oder die Stress-Reaktion genannt wird). Nichtbefriedigung des Hungers nach Stimulierung bedeutet also akuten Distress, woran wir sehen, dass dieses Bedürfnis tatsächlich lebenswichtig ist.

 

  1. Hunger nach Lust

Nun hat jeder Stimulus, der im Gehirn eintrifft, eine Doppelfunktion: Zum einen ermöglicht er die Orientierung in Zeit und Raum, zum anderen aber muss er gewisse Lust- oder Unlustareale im limbischen System durchlaufen, wo er elektrische Erregungen auslöst. Diese wiederum lösen in uns »Gefühle« von Lust oder Unlust aus. Wobei hier ausdrücklich betont werden soll, dass die Lustgefühle sexuellen Erlebens nur einen Aspekt lustvollen Befindens darstellen. Wir nennen die verschiedensten Gefühle, die durch Stimulierungen der Lustareale produziert werden: angenehmes Wohlbefinden, Zufriedenheit, positive Er-oder Aufregung, Freude, sexuelle Lust, Ekstase u. a. Die diversen Gefühlsregungen, die durch Erregungen der Unlustareale produziert werden, nennen wir hingegen: Angst, Unsicherheit,

Hemmungen, Scham, Schuldgefühle, Wut, Zorn, (negative) Aggression, Panik, Schmerz, Trauer, Unwohlsein. Es ist eine traurige Tatsache, dass unsere modernen Sprachen mehr Worte für Unlustgefühle besitzen als für lustbetonte Empfindungen!

Welchen Sinn und Zweck erfüllen nun diese lebensnotwendigen Lustareale, die übrigens untrennbar mit Herzschlag, Atemfunktion und anderen Überlebens-Mechanismen gekoppelt sind?

Sie erlauben Lernprozesse, ohne die das Überleben des einzelnen sowie der Art nicht möglich wäre! Nehmen wir an, sie setzen sich ahnungslos (im Badeanzug) in Brennnesseln! Erstens veranlassen die sofortigen Unlustgefühle dich, dich so schnell wie möglich wieder zu erheben. Diese Reptiliengehirn-Reaktion geht übrigens wesentlich schneller vonstatten, als du dies gedanklich bewältigen könntest. Zweitens merkst du dir für die Zukunft, dass Brennnesseln »brennen«, d. h., dass du dieses Erlebnis nie wiederholen möchtest!

Genauso veranlassen natürlich Erlebnisse, die Lustgefühle auslösen, dich, solche wieder zu suchen.

Die Stimulierung der Lustareale ist nicht nur lebensnotwendig, sie hat sogar noch vor der Nahrungsaufnahme Vorrang. Dies beweisen Experimente, bei denen man einem Organismus winzige kleine Sonden in die Lustareale setzt, so dass es ihm möglich ist, sich durch Auslösen eines minimalen Mikro-Stromstoßes selbst zu stimulieren. Versuche mit Tieren (und gehirngeschädigten Menschen) haben eindeutig bewiesen, dass ein Organismus über dieser sog. intrakraniellen Selbststimulierung alles um sich herum total vergisst! Er drückt nur noch den Knopf oder die Taste, er frisst nicht, er schläft nicht und kopuliert nicht mehr, bis er vor Erschöpfung umfällt!

Diese Tatsache hat den Gehirnforscher CAMPBELL veranlasst, folgende Schlussfolgerung zu ziehen: Die Stimulierung der Lus-areale hat den höchsten überlebenswert. Daher muss der Organismus ständig versuchen, sich solche Stimulierungen zu verschaffen. Dies geschieht zum einen durch die Reizaufnahme aus der Umwelt, einschließlich der Stimulierung jener Sinnesorgane (Geschmacksknospen zum Beispiel), die bei der Nahrungsaufnahme ermöglicht werden. Zum anderen aber durch Gedanken und Vorstellungen, die physiologisch wie ein Sinnesanreiz verarbeitet werden müssen. Also tut der Organismus »nur«, was Lust verschafft bzw. Unlust vermeidet oder abzustellen vermag. Hiermit sind nun auch physiologische Beweise für FREUDS Aussage, dass Organismen nur Lust suchen, erbracht worden. (Schließlich war ja FREUD auch Physiologe!)

  1. Hunger nach Berührung

Die interessanteste Sinnesreiz-Aufnahme stellt wohl die Berührung dar. CAMPBELL sagt hierzu:

Es deuten einige Anzeichen darauf hin, dass der Berührungssinn als erster der äußeren Sinne schon vor der Geburt des Menschen von Bedeutung ist und dass er diese Bedeutung im Laufe unseres Lebens als Erwachsene natürlich beibehält. … Eine Berührung wird … registriert … Alle taktilen Rezeptoren» besitzen ein sehr rasches Adaptionsvermögen. Das kann man leicht nachprüfen, indem man die Spitze eines Fingers auf eine grobe Oberfläche legt und den Finger (dann) vollkommen ruhig hält. Spätestens nach einer Minute vermag man nicht mehr wahrzunehmen, wie die Oberfläche beschaffen ist, und man merkt nur noch undeutlich, dass man überhaupt etwas berührt. Doch schon eine winzige Bewegung der Fingerspitze reicht, um andere Rezeptoren zu reizen, und schon können wir den Gegenstand wieder für kurze Zeit deutlich wahrnehmen.

Dass wir uns beim Streicheln und Liebkosen und beim Geschlechtsverkehr fortwährend bewegen, ist auf diesen neurophysiologischen Sachverhalt zurückzuführen .

Wiewohl es schon seit Jahrzehnten bekannt ist, dass die menschliche Berührung reinen Überlebenswert besitzt, wird an diesem Sachverhalt in bedenklicher Weise vorbeigelebt und, schlimmer noch, vorbeierzogen! Es ist, als würde man sagen: Nahrungsaufnahme ist »weich«, »unreif« und eines modernen Menschen (insbesondere Mannes) nicht würdig! Denn: Da wir ja fähig sind zu lernen, kann uns durch sog. Erziehungsprozesse dazu verbilden, auch natürliche, gesundmachende und beglückende Lebenssituationen später mit Unlust zu assoziieren.

 

Distress

Jetzt können wir die Stress-Definition von neuem angehen. Wir verweisen noch einmal auf die Tatsache, dass schädlicher Distress und lebensnotwendiger Eustress zwei völlig verschiedene Arten von Stress bedeuten, so dass wir zwei Definitionen benötigen.

Distress = Nichtbefriedigung vitaler Bedürfnisse bzw. Stimulierung der Unlustareale Im limbischen System.

Eustress = Befriedigung vitaler Bedürfnisse bzw. Stimulierung der Lustareale im limbischen System.

Es gibt angeborene (allen Menschen gemeine) Bedürfnisse oder Triebe und individuell erlernte (in denen sich jeder einzelne vom Mitmenschen unterscheidet).

Wenden wir uns zunächst den angeborenen Trieben zu. Sie dienen der Selbst- und Arterhaltung, die durch Stimulierungen, Nahrungsaufnahme, -verarbeitung, -ausscheidung, Schlaf, Sauerstoffaufnahme und Erregungen der Lustareale gewährleistet. Der Organismus trachtet danach, die biologische Homöostase sowie die Orientierung unbedingt zu erhalten. Jegliche Gefährdung hingegen bedeutet bereits akuten Distress. Solange die Sicherheit nicht wiederhergestellt ist, werden wir vom Reptiliengehirn »regiert«, da dieses erst dann wieder Energien an die höheren Gehirn-Anteile abgibt, wenn die Selbsterhaltung abgesichert ist. Man sagt dazu: »Der Stamm regiert, die Rinde schweigt!«

Ein Nicht-Wahrhaben-Wollen dieser Tatsache macht sie leider nicht ungültig! Nur ein echtes Sich Auseinandersetzen kann helfen, den Distress zu dosieren, so dass wir dann Zeit und Energien übrighaben, um uns auf die Suche nach Eustress zu konzentrieren!

 

Die Streß-Reaktion

Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass die sog. Stress-Reaktion genaugenommen immer eine Distress-Reaktion dar-stellt. Was passiert nun, wenn das Reptiliengehirn bei Gefahr auf Kampf oder Flucht »umschaltet«?

Wir wollen wieder ein vereinfachtes Denkmodell benützen: Stelle dir vor, im Reptiliengehirn sitzt ein »Wächter«, der nichts anderes zu tun hat, als bei potentieller Gefahr sofort einen »Panikknopf« zu drücken. Da ja alles Neue, Unbekannte, noch nie Erlebte möglicherweise eine Gefahr für den Organismus darstellen könnte, drückt dieser »Wächter« auch bei Reizen, die er nicht sofort als bekannt und ungefährlich einstufen kann, besagten »Panikknopf«. Deswegen bezeichnete man den »Wächter« als Neuheits-Entdeckungs-Mechanismus (NEM), dessen Signal immer und automatisch die Stress-Reaktion ablaufen lässt. Da diese Reaktion ja u. a. auch die Orientierung neu absichern soll, nennt man sie auch die Orientierungs-Reaktion (OR).

Die OR ist eine ungeheuer starke Reaktion, durch die u. a. Herzschlag, Pulsfrequenz, Blutverteilung im Körper und die Blutzusammensetzung sofort beeinflusst werden. Möglich wird dies dadurch, dass das Panik-Signal das Stammhirn veranlasst, sofort gewisse Hormone in den Blutstrom zu leiten. Hormone sind chemische »Boten«, die den Organen, zu denen sie geleitet werden, »sagen«, was diese jetzt zu »tun« haben. Alle Hormone der Kampf- oder Flucht-Reaktion sind Nebennieren-Ausschüttungen (z. B. Adrenalin, das dem Körper blitzschnell Extra-Energien zur Verfügung stellt).

Bewusst nehmen wir wahr, dass wir schneller atmen, dass wir schwitzen, dass wir zittern, dass wir die Fäuste ballen, dass unsere Stimme bebt, dass wir die Augen aufreißen.  

Nun gibt es in unsrem Organismus zwei Nervensysteme, die man zusammengefasst als das vegetative Nervensystem bezeichnet. Es ist für folgende Funktionen zuständig: Der Parasympathikus überwacht Ruhe, Verdauung und andere autonome Vorgänge. Der Sympathikus hingegen wird bei Alarm sofort aktiviert und blockiert alle Vorgänge des Parasympathikus, bis die Gefahr vorüber ist.“ Das hast du selbst schon oft beobachten können: Ein Mensch ist z. B. »voll mit dem Kauen beschäftigt«. Eine Gefahrensituation ergibt sich in der Nähe (vielleicht hat jemand die brennende Flambierpfanne vom Wagen gestoßen). Der Mensch hört sofort zu kauen auf! Erst wenn die Gefahrensituation behoben ist, merkt er, dass er den Mund noch voll Speisen hat.

Sinn und Zweck der OR ist es, den Körper sofort kampf- oder fluchtbereit zu machen. Dies geschieht erstens, indem man ihm Extra-Energien zuführt und den Energieverbrauch jener Organe, die für Kampf oder Flucht nicht unmittelbar gebraucht werden, auf ein absolutes Minimum reduziert. Zweitens werden die Sinnesorgane der Augen und Ohren »geschärft«, so dass einem keine gefährlichen Signale entgehen können. Drittens werden Abwehrkräfte des Organismus mobilisiert, damit der Körper eventuelle Verletzungen besser überstehen kann.

Je stärker die Distress-Reaktion, desto vollständiger werden Vorgänge des Denkhirns blockiert, weil auch sie erstens Kraft (sprich: lebensnotwendige Energien) kosten und zweitens vom Hauptgeschehen des Überlebens ablenken. Außerdem arbeitet das Reptiliengehirn ungemein schneller als das Denkhirn. Das kannst du ermessen, wenn du einmal bedenkst, dass ein Mensch, der sich an der heißen Herdplatte verbrennt, die Hand schon längst zurückgezogen hat, ehe er »begreifen kann«, was passiert ist.

Im nächsten Artikel werden wir uns Kategorien ansehen, mit denen du deinen Stress messen kannst.