Hinter dieser Frage steckt kein Leistungsgedanke, sondern die Idee, Alter nicht nur aus pathologischer Perspektive zu betrachten. Lange Zeit verband man mit Alter vor allem Demenz, Abbau und Depression. Dabei empfinden das viele gar nicht so. In einer großen Umfrage in England haben Forscher ältere Menschen gefragt, ob sie sich als »erfolgreich gealtert« beschreiben würden. Drei von vier Befragten bejahten. Und das waren nicht nur die Fitten und Gesunden.

 

Wer gilt denn als nicht erfolgreich gealtert?

Man zählt dazu typischerweise Menschen mit Altersdepression, eine der häufigsten psychischen Erkrankungen im höheren Lebensalter. In der Normalbevölkerung sind 10 bis 15 Prozent betroffen, in Pflegeheimen sogar bis 30 Prozent und mehr. Für viele junge Menschen gilt eine gewisse Traurigkeit im Alter sogar als normal. Doch trotz Abbau werden eben bei Weitem nicht alle im Alter depressiv.

 

Wie unterscheiden sich erfolgreich und nicht erfolgreich Gealterte?

In Experimenten wurden Unterschiede im Umgang mit verpassten Chancen gefunden. Ein Beispiel: Die Probanden liegen im Hirnscanner, während sie ein Glücksspiel spielen. Nach der ersten Runde erfahren sie, wie viel mehr sie hätten gewinnen können, wenn sie ein größeres Risiko eingegangen wären. Je mehr sie daraufhin der verpassten Chance nachtrauern, desto größer das Risiko, das sie in der nächsten Runde eingehen, denn sie wollen nicht noch einmal eine Chance verpassen. Dabei lassen sie völlig außer Acht, dass es nur ein Glücksspiel ist.

 

Wie schlagen sich erfolgreich Gealterte in diesem Spiel?

Sie lassen sich von solchen verpassten Chancen weniger beeindrucken. Die depressiven Älteren dagegen trauern ihnen nach, sie gehen im nächsten Durchgang mehr Risiko ein. Auch ihr Puls und ihre Hautleitfähigkeit reagieren stärker, beides Maße, die Gefühle wie Ärger abbilden können. Interessanterweise zeigen die Depressiven somit ähnliche Reaktionen wie gesunde junge Menschen, für die diese Reaktion durchaus sinnvoll sein kann. Bei den gesunden Alten findet sich dieses Muster nicht, sie hadern nach eigenen Angaben generell weniger mit verpassten Chancen als ihre depressiven Altersgenossen.

 

Zeigen sich die Unterschiede im Gehirn?

Ja, vor allem in zwei Hirnregionen. Eine davon ist das so genannte Striatum, das zum neuronalen Belohnungssystem zählt. Je positiver wir etwas empfinden, desto stärker steigt die Aktivität dort an; je negativer, desto mehr nimmt sie ab. Die gesunden Alten reagierten auf alle Gewinndurchgänge mit einem Signalanstieg im Striatum, auch wenn sie mehr hätten gewinnen können. Dagegen sieht man bei den depressiven Alten und den Jungen, dass das Signal bei verpassten Chancen abfällt, sogar stärker, als wenn sie tatsächlich verloren haben. Sie erleben die verpasste Gelegenheit offenbar als mindestens genauso unangenehm wie einen realen Verlust. Weitere Unterschiede fanden wir in einer zweiten Hirnregion, dem rostralen anterioren Zingulum, das eine wichtige Rolle bei der Regulierung von Emotionen spielt. Nur die gesunden Alten aktivieren nach einer verpassten Chance diese Region. Vermutlich regulieren sie ihre Enttäuschung mit einer kognitiven Strategie. Die meisten sagten: »Warum soll ich mich ärgern? Es war ja ein Glücksspiel.« Das ist eine Form der externalen Attribution: Es war nicht meine Schuld, sondern lag an den Umständen.

 

Und so ähnlich läuft es auch ab, wenn wir merken, dass wir im Leben manche Chance verpasst haben und nie Profifußballer oder Starpianist werden?

Im Alter scheint ein solches Hadern jedenfalls Depressionen zu begünstigen. Das Nachdenken über verpasste Chancen in anderen Lebensphasen ist an sich nicht zwangsläufig etwas Negatives. Wenn man jung ist und denkt: »Mist, ich hätte mich auf die Prüfung besser vorbereiten sollen«, dann kann man daraus lernen. Das Risiko für Depression steigt aber, je weniger zweite Chancen es gibt. Im mittleren Lebensalter doch noch eine neue Karriere zu starten, eine Familie zu gründen oder zu studieren, ist entweder schwierig oder gar nicht möglich. Wenn Menschen jung sind, nehmen sie ihre Lebenszeit oft als unbegrenzt wahr. Entsprechend langfristig sind auch ihre Ziele ausgerichtet: Menschen kennen lernen, neue Sprachen lernen, unbekannte Länder bereisen und eben an ihren verpassten Gelegenheiten arbeiten. Je weniger subjektiv wahrgenommene Lebenszeit uns bleibt, desto gesünder scheint es jedoch, sich auf das zu konzentrieren, was wir kurzfristig erreichen können und was für unser emotionales Gleichgewicht hilfreich ist.

 

Lernen wir in der Lebensmitte, mit endlicher Zeit und verpassten Chancen umzugehen?

Viele ziehen in dieser Zeit Bilanz und stoßen dabei auf verpasste Chancen. Die gesunden Älteren haben anscheinend gelernt, damit umzugehen. Diesen Anpassungsprozess verdanken wir wohl vielen Faktoren, wobei sehr wahrscheinlich ein Lernvorgang zu Grunde liegt, der sich über die gesamte Lebensspanne erstreckt.

 

Und wie kann man das lernen?

Die meisten lernen es vermutlich tatsächlich durch Lebenserfahrung. Aber auch die Verhaltenstherapie kennt Techniken, die helfen, das Grübeln über frühere Entscheidungen in den Griff zu kriegen. Die Patienten können sich zum Beispiel bewusst machen, dass sie sich damals nach bestem Wissen entschieden haben, selbst wenn es in der Rückschau nicht die beste Wahl war. Eine andere Methode ist der Perspektivwechsel. Wie sieht meine Entscheidung aus der Sicht von anderen aus? Und eine weitere Herangehensweise ist die radikale Akzeptanz: Es lohnt sich nicht, den verpassten Chancen nachzutrauern oder sich darüber zu ärgern. Dabei helfen Techniken wie Achtsamkeitsübungen, also die wertfreie Konzentration auf das Hier und Jetzt.

 

Wirkt sich das auf die Hirnaktivität beim Umgang mit verpassten Chancen aus?

Metastudien bei jüngeren Depressiven zeigen, dass solche kognitive Techniken nicht nur die Emotionsregulation verbessern, sondern auch die Aktivität im Frontalhirn erhöhen. Ich bin davon überzeugt, dass man das auch bei älteren Menschen trainieren kann, denn das Gehirn ist bis ins hohe Alter formbar.

 

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