Zunächst einmal führt uns die Tatsache, dass wir zwei verschiedene Wörter benutzen, in die Irre. Im Dialekt (wie auch in vielen anderen Sprachen) gibt es nur einen Begriff. So sagt jemand z.B. „Lern mir das!“. Genaugenommen müssen wir beide Aspekte als zwei Seiten derselben Medaille sehen. Vergleichen wir den Prozess mit Essen: Um Nahrung aufzunehmen, müssen wir AKTIV werden.

Selbst wenn jemand uns alles in kleine Stückchen schneidet und uns füttert — kauen, schlucken und verdauen müssen wir selbst. So ähnlich ist es beim Fernsehen: Wenn wir eine Dokumentation oder eine fachlich interessante Talk-Show sehen, stellen die meisten Leute fest, dass sie trotz großen Interesses hinterher fast nichts „wissen“. Warum? Weil man WISSEN nicht passiv konsumieren kann! Man muss sich selbst (aktiv) be-LEHREN, damit man etwas LERNEN kann.

Wenn du AKTIV mitmachst (z.B. indem du die von mir vorgestellten Denk- und Lern-Werkzeuge einsetzt), dann wirst du dich wundern, wieviel man einer solchen Sendung (wie auch dem Unterricht) tatsächlich „entnehmen“ kann, das heißt, wieviel du dir merken wirst, ohne im Anschluss in irgendeiner Form zu „lernen“ (wie du das vielleicht von der Schule her kennst). Das meine ich, wenn ich sage „PERKINS 3″. Siehe dazu auch meinen Artikel über erLERNBARE INTELLIGENZ.

Wir haben die Wahl der Methode. Du entscheidest also, ob du dich passiv berieseln lässt (um hinterher zu PAUKEN) oder ob du es gleich aktiv Angehen, weil du bereit bist, sich aktiv zu be-LEHREN. Dieselbe Wahl haben Schülerinnen, wenn wir ihnen helfen, das zu begreifen.

So hat man z.B. festgestellt (SPIEGEL, SONDERHEFT BILDUNG), dass Nachhilfe-Schülerinnen zwar bessere Noten haben, aber nur solange die Nachhilfe aufrechterhalten bleibt (oft jahrelang). Würde man die Schülerinnen tatsächlich zu aktivem Lernen ermuntern, würden sie die Nachhilfe nicht lange brauchen. Natürlich wollen diese Leute den Ast nicht absägen, auf dem sie sitzen. Aber das heißt ja nicht, dass Eltern, Lernende etc. den Weg nicht trotzdem finden können. Sie bestimmen ihren Erfolg maßgeblich selbst, wenn sie dürfen, das heißt, wenn man sie in Ruhe LERNEN lässt!

Indem wir alte (schwache) Methoden gegen neue (bessere) austauschen, werden wir klüger!

Deshalb spricht PERKINS zu Recht von lernbarer Intelligenz und davon, dass sie lebenslang verbessert werden kann. In Verbindung mit PERKINS 2 (je mehr wir wissen, desto leichter lernen wir Neues) sollten wir uns ständig vor Augen halten:

Lebenslanges Lernen ist physiologisch NOTWENDIIG. Das meine ich wörtlich: Wenn wir lebenslang weiterlernen, WENDEN wir die NOT ab, wenn wir hingegen damit aufhören, werden wir depressiv bzw. bei einem hohen Testosteron-Spiegel aggressiv. Im Klartext: Mobbing in Firmen und Aggressivität an Schulen ist ein Symptom für zu viele „halbtote“ Hirne, in denen der physiologische Prozess aufgehört hat, der mit Lernen einhergeht.

Also ist lebenslanges Lernen sogar unserer Gesundheit zuträglich! Das Schlüsselwort lautet

Betrachten wir einen weiteren Aspekt des Lernens:

 

Eine eigene LERNKURVE für jedes Thema, mit dem wir uns befassen?

Stellen wir uns vor, dass wir für jedes Thema, mit dem wir uns befassen, eine eigene Lernkurve aufbauen — und zwar lebenslang. Diese beginnt gaaaaaaaaaaanz laaaaaaaaang-sam („Aller Anfang ist schwer“), wird eines Tages laaaangsam etwas schräg, dann ein wenig schräger, bis sie letztendlich exponentiell (= ziemlich steil) nach oben strebt.

Deshalb stellt PERKINS fest, dass Vorwissen weiteres Lernen einfacher macht. Aber es ist noch spannender, denn zunächst wird für jedes Thema eine eigene Kurve angelegt. Wenn sich ein Mensch jedoch mit vielen Themen befasst, wird es bald zu Überschneidungen zwischen einzelnen Lernkurven kommen. Jemand, der „null Ahnung“ von Chemie hat, aber einiges über Physik weiß, hat bereits Chemie-Fäden im Wissens-Netz, ohne es zu wissen.

Selbst wenn er es nicht einmal ahnt, werden diese hilfreich, weil sich die beiden Lernkurven überlappen und er weit schneller die Phase des ersten Anstiegs (bei Chemie) erleben wird, als ohne jenes Vorauswissen möglich gewesen wäre:

 

Wissensfäden

Wer zum Beispiel beginnt, die holländische Sprache lernen will, kommt extrem schnell voran, wenn er Deutsch und Englisch spricht. Mit Deutsch und Englisch besitzt er bereits ca. 65 Prozent des niederländischen Wortschatzes besaß. Er muss ihn nur aktivieren: z.B. „water“ (analog dem englischen Wort für Wasser) und „vragen“ (analog dem deutschen Verb fragen) etc.

Ähnlich ist es für Menschen, die Latein und Englisch lernen sollen. Ich empfehle immer, mit Englisch zu beginnen (wenn man die Wahl hat). Aber bedenke: Wer Englisch kann, hat enorm viel Latein gelernt und damit Zugang zu allen romanischen Sprachen, inklusive Latein natürlich. Wörter auf -ment (torment, advancement, fulfillment, equipment) oder auf -ion (information, communication, sensation, humiliation) oder auf -or (orator) kommen alle aus dem Lateinischen. Wenn man sie im Englischen kennengelernt hat und später mit Latein beginnt, muss man all diese Wörter gar nicht mehr lernen; also überlappen sich wieder zwei Wissenskurven.

Deshalb: Je mehr du lernst — egal was es ist —, desto größer ist die Chance, dass etwas NEUES, das du irgendwann lernen willst oder soll, mit dem bereits Gelernten Verbindungen besitzt, so dass nicht ALLER Anfang schwer sein muss, sondern nur extrem neue Anfänge zu Themen und Wissensgebieten, zu denen du tatsächlich noch gar nichts weist.

Hinzu kommt, dass PERKINS die Aspekte 2 (Vorwissen) und 3 (Methoden-Wahl) in Zusammenhang mit LERNBARER INTELLIGENZ sieht. Warum? Weil mehr Wissensfäden immer auch bedeuten: mehr Möglichkeiten, zu reagieren, wenn ein Problem, eine Frage, ein Thema im Alltag „auftaucht“.

Ob wir in einem Meeting sitzen, eine Prüfung bestehen wollen oder uns in einer Verhandlung befinden: Je mehr wir wissen, desto wahrscheinlicher kann uns etwas zum Thema „ein-FALLEN“. Das ist der berühmte Zu-FALL, der nur zu-FALLEN kann, wenn man vorher gelernt hat!

Deshalb heißt es ja auch, dass der Tüchtige am meisten GLÜCK haben wird: Aus Sicht der Lernfaulen ist es das Glück des Wettbewerbers, aber wir wissen, dass alle Leute, die irgendwie nach OBEN kamen, vorher etwas ge-LEISTET haben, und sei es auch nur, dass sie Tag für Tag ein wenig hinzulernen, um mehr Fäden im Wissens-Netz zu haben, die zu Ideen werden können, wenn es darauf ankommt.

Ob einem die Lösung einfällt oder auch nur eine besonders intelligente Frage, die weiterhilft, ist egal. Wichtig ist hingegen, dass (zu-FÄLLIG) nur etwas ein-FALLEN kann, wenn etwas vorhanden ist (das ist die wahre Bedeutung von PERKINS 2). Aufs Lernen bezogen, können wir zusammenfassen:

  • Je weniger ein lernender Mensch vom (derzeitigen) Thema weiß, desto mehr ist er von Menschen abhängig, die ihn informieren, unterweisen, (be-)lehren (sollen). Dies kann der Autor eines Textes sein, mit dem wir uns in eine Thematik „einlesen“ wollen, oder ein Mensch, der uns etwas erklären will/soll (Lehrkräfte, aber auch Eltern).
  • Aber auch das Gegenteil ist wahr: Je mehr der lernende Mensch zum Thema bereits weiß oder beim Aufnehmen (hören, lesen, sehen) selbst AKTIV bei-steuern kann, desto leichter fällt es, neue Infos zu verstehen und zu merken (= lernen).
  • LERNEN wollen wir als Integration des Neuen ins vorhandene Wissens-Netz definieren, so dass diese Infos ab jetzt bei allen Denkvorgängen assoziativ (das heißt analytisch oder kreativ) aktiviert werden können. Im Klartext: Diese Infos können uns ab jetzt jederzeit „ein-FALLEN“, wenn sie gut („sinnvoll“) zu einer Frage oder einer Problemstellung passen, über die wir nachdenken wollen.
  • Wer PAUKEN mit LERNEN (in diesem Sinne) verwechselt, merkt es daran, dass kein neues Wissen im eigenen Wissens-Netz entsteht, das ab jetzt jederzeit nutzbar wäre.
  • Sicher kennst du das Märchen, die meisten Menschen hätten ca. 90 % dessen, was sie in der Schule gelernt hätten, vergessen. Hier sagen die Leute „lernen“, wiewohl sie PAUKEN meinen. Es ist also von Infos die Rede, die man einst (krampfhaft) durch PAUKEN „in den Kopf bringen wollte. Da diese Infos nie wirklich Teil des eigenen Wissens-Netzes wurden (weil sie nur kurzfristig, z.B. bis zur nächsten Prüfung in einigen Tagen, haften bleiben), erinnert man sich einerseits an viel Lernen (das aber als PAUKEN bezeichnet werden muss) und extrem wenig dauerhaften Erfolg. Im Klartext: Jene 90 %, die wir angeblich vergessen haben, beziehen sich auf PAUKEN und wurden (gemäß unserer Definition) nie wirklich GELERNT. Daher können sie auch nicht vergessen worden sein. Ich wiederhole: Wenn ich LERNEN sage, meine niemals die miese Kopie, die sich als Lernen aufspielen möchte (PAUKEN), sondern einen Vorgang, an dessen Ende wir mehr begreifen und mehr wissen…
  • Echtes LERNEN ist wie eine wunderbare Reise durch ein faszinierendes Terrain, die uns be-REICH-ert und an die wir uns gern lebenslang erinnern wollen. Stelle dir im Gegensatz dazu eine Fahrt in einem uralten Bus auf einer kurvenreichen Strecke ohne Asphalt und ohne Leitplanken vor, die wir nicht genießen, solange sie dauert, und die wir möglichst bald „vergessen“ wollen. Das ist PAUKEN für ein Gehirn —eine Qual, solange es andauert, und nichts, woran man sich erinnern möchte.
  • Normalerweise sind SchülerInnen (wie auch Teilnehmerinnen in der Erwachsenenbildung) den Lehrkräften auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Nur wenn wir es wagen umzudenken, können wir Kontrolle übernehmen: sowohl wenn wir selbst lernen wollen, als auch wenn wir lehren bzw. anderen helfen möchten, die lernen sollen (und immer noch versuchen, das Problem mit dummen Pauk-Methoden zu lösen). Das lehrt uns PERKINS 3.

Es gilt, all diesen Menschen, egal wie jung oder alt, die Furcht vor dem PAUKEN (das sie „Lernen“ nennen) zu nehmen.