Wieder mehr zu sich selbst finden

Dominik Borowski, ein junger polnischer Cellist mit internationalem Renommee, war an einem lebensgefährlichen Gehirntumor erkrankt. Obschon er zweimal operiert worden war, hat immer wieder gespielt, auch wenn er seinen linken Arm kaum noch spürte. Dann kam die Diagnose: der Tumor wächst weiter. Die dritte und vierte Operation folgten schnell aufeinander. Nach der vierten Operation ist er aufgewacht und hat gespürt, dass irgendetwas nicht gelungen war. Er spürte die Hälfte seines Körpers nicht.

Die Ärzte machten Dominik keine Hoffnung. Ließen ihn verzweifelt zurück. In einer dieser langen Nächte schob er mit seiner gesunden Hand eine CD in den CD Player, den er immer bei sich trug, seine Lieblingsmusik. Das wohltemperierte Klavier von Johann Sebastian Bach. Die ganze Nacht hörte er diese Melodien, ohne Unterbrechung. Die Visite der Ärztekammer Morgen und blieb an seinem Bett stehen. Er schaute sie an und spürte, dass er plötzlich sein Bein bewegen konnte. Er hatte das nicht überprüft, aber als sie vor ihm standen und ihn fragten, wie es ihm ginge, wusste er, dass er es konnte. Und er hob sein Bein in die Höhe.

Es folgten Monate des Trainings, jeden Tag. Aber mehr als die mühselige Bewegung an einem vierendigen Stock erreichte Dominik nicht. In dieser Zeit erhielt er durch Zufall die Adresse eines Feldenkrais Therapeuten in Deutschland. Und dieser Therapeut verband zwei Wege miteinander: eine Diagnose, die auf eine Veränderung der inneren Haltung zielt. Und die Feldenkrais Methode, eine besondere Strategie des Bewegungslernens.

 

Aber wie könnten innere Bilder und Bewegung eine so schwere Beeinträchtigung beeinflussen?

Meine Erklärung ist folgende: Wenn es gelingt, auf der körperlichen Ebene ein Angebot zu machen, das unmittelbar spürbar macht, dass sich etwas verändert. Also wenn Selbstwirksamkeit spürbar und erfahrbar wird. Und wenn es gleichzeitig gelingt, dazu innere Bilder zu aktivieren, die auch auf Veränderungen zielen und in die Richtung gehen, die man verändern möchte, dann kann manchmal sehr schnell, sogar verblüffend schnell eine Veränderung eintreten.

Und wie kann ein solcher Zustand im therapeutischen Kontext hergestellt werden? Was ist es für ein Zustand überhaupt? Ist es der besondere Zustand zwischen Schlafen und Wachen, der den Raum für Veränderung öffnet, für neue Wege im Gehirn?

Dominik konnte bereits beim ersten Termin, bei dem es noch um ganz wenig Berührung ging, auf Bitte des Therapeuten hin, aufstehen und ohne Stock durch den Raum gehen. Und er hat nicht bemerkt, dass er ohne Stock ging. Dominik war beschäftigt damit, wo er hinwollte, und eins der wichtigsten Ziele für ihn war, gehen zu können. Und er konnte diese Fähigkeit aktivieren, weil er wieder im Gleichgewicht war. Dem Gleichgewicht zwischen seinen körperlichen Möglichkeiten und seiner Orientierung. Und das ist nichts anderes als eine Trance: das Gleichgewicht von willkürlichem und unwillkürlichem Handeln.

Es dauerte einige Behandlungsstunden, bis Dominik die verloren gegangenen Verknüpfungen durch neue Nervenbahnen ersetzen konnte. Keine Frage, aber er machte bahnbrechende Fortschritte.

 

Feldenkrais bewirkt ein Tranceerleben

In einer leichten Trance verschwimmen die Grenzen zwischen Geist und Körper. Diese Grenzen existieren ja nicht wirklich. Aber das Wissen darüber allein genügt nicht, dass es möglich ist. Es kommt darauf an, es zu erleben. Eine vertrauensvolle Beziehung zwischen den Beteiligten ist mitentscheidend für den erlebten Erfolg.

Was genau ist denn Dominiks Kopf geschehen, als er wieder lernte, sich zu bewegen? Es fehlten ihm doch Teile seines Gehirns, nämlich ein Viertel.

Tatsächlich hat das Gehirn die Fähigkeit, sich bis ins hohe Alter weiterzuentwickeln. Jede neue Fertigkeit, macht die Verbindungen der Neuronen stärker, mehr Informationen fließen, und die Nervenbahnen können sich immer weiter verknüpfen. Vernachlässigt ein Mensch seine Fähigkeit, gibt das Gehirn diesen Platz für andere Aufgaben frei. Gedanken und Gefühle, vor allem wenn sie mit Bewegung verbunden sind, führen zu plastischen Veränderungen. Das kann sich auf viele Erkrankungen auswirken. Wie aber können Menschen die verlorene Balance wiederfinden? In welchem Zustand müssen sich Körper und Geist befinden, damit das unerwartete möglich wird? Viele Wissenschaftler vergleichen diesen Zustand mit einem Pendel das an seinem höchsten Punkt gleichzeitig in völliger Ruhe und größter Energieladung verharrt. In dieser Phase genügen wenige Impulse, um das Pendel zu der einen oder der anderen Seite zu bewegen.

Dem Geheimnis dieses Richtungswechsels bin ich auf der Spur. Ich habe  große Erfolge mit einer Therapie, die die Feldenkrais Methode mit der Hypno-Therapie nach Milton H. Erickson (in diesem Fall mit inneren Bildern) verbindet.

Ich machte eine überraschende Entdeckung. Präzise Messungen haben gezeigt, dass die Klienten während einer Feldenkrais Sitzung auch emotional ruhiger wurden. Die Atmung wurde langsamer, die Augen wurden langsamer, der Hautwiderstand zeigte auch eine parasympathische Beruhigung an. Es konnten während der Sitzung Theta Gehirnwellen gemessen werden. Und je tiefer die Trance war, umso besser ging es dem Patienten nach der Feldenkrais Sitzung.

 

Es ist möglich, dass negative Erinnerungen mit positivem hinterlegt werden können

Was in der Vergangenheit geschehen ist, kann niemand einfach auslöschen. Aber es ist möglich, die alten Bilder, die sehr belastend sind, in Trance mit einem neuen Bewegungsmuster zu verbinden. Feldenkrais ist hilfreich diese alten Bilder mit neuen Bewegungsmuster zu unterlegen und so im Gehirn eine heilende Spur zu hinterlegen.

Wenn zum Beispiel traumatische Ereignisse der Kindheit vorliegen, können diese Ereignisse, wenn sie mit neuen Bewegungsmuster der Erwachsenen hinterlegt werden, auch mit neuen Gefühlen der Gegenwart verbunden werden.