In die Gemeinschaft gehen

1955 veröffentlichte die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner ihre berühmte „Kauai“-Studie auf Hawai. Bis heute gilt sie als Basis des Resilienzkonzepts. In ihrer Studio untersuchte sie, wie sich Kinder in ihrem Leben entwickeln, wenn sie unter schwierigen Bedingungen wie chronischer Armut, Krankheit der Eltern, Misshandlung, Vernachlässigung oder Scheidung aufwachsen. Das Ergebnis war überraschend: Ein Drittel dieser Kinder entwickelte sich positiv.

Was war diesen Kindern und später gesunden Erwachsenen gemeinsam?

Welche Faktoren waren für diesen Unterschied so ausschlaggebend?

Die Antwort darauf ist heute unter dem Begriff „Resilienz“ zusammengefasst.

Sie ist die Fähigkeit, Krisen und Stress durch den Rückgriff auf persönliche und soziale Fähigkeiten zu meistern, und als Anlass für unsere persönliche Entwicklung zu nehmen.

Was war der entscheidende Punkt, dass ein Drittel der Kinder (lt. Forschungsprojekt) zu widerstandsfähigen und erfolgreichen Erwachsenen wurden?

Richtig.

Es war die Gemeinschaft.

Mindestens eine zugewandte Bezugsperson hatten diese Kinder. Und das waren nicht unbedingt ihre Eltern. Die waren dazu oft nicht in der Lage. Es waren andere Erwachsene: Nachbarn, Lehrer, Freunde, die eine gute Beziehung zu ihnen aufbauten. Und das hatte den größten Einfluß auf ihre seelische Entwicklung.

Mit diesem Forschungs-Ergebnis stellte sich erst einmal alles auf den Kopf, was man bis dato über frühkindliche Prägung wußte. Die Grant-Studie, die mehr als 75 Jahre dauerte, belegte auch, dass nicht die Kindheit allein entscheidend für unser Lebensglück ist.

Der Einfluss von Bezugspersonen und Freundschaften ist wichtiger.

Der Einfluss von sozialen Beziehungen auf die Resilienz und auf eine positive Lebenseinstellung ist bis heute unbestritten:

Einsamkeit und ein Mangel an sozialen Beziehungen können für die Gesundheit ebenso schädlich sein, wie beispielsweise das Rauchen von ca. 15 Zigaretten täglich. Es sei sogar doppelt so schlimm wie Fettleibigkeit. Das beschreiben mittlerweile mehrere Studien. In diesen Studien wurde untersucht, ob die Teilnehmer „integriert“ waren. Hätte man auch die Qualität der Beziehungen angeschaut, wären die Ergebnisse vermutlich noch wesentlich überraschender gewesen.

 

Resilienz-Faktor: Gemeinschaft

Es gibt viele Resilienz-Faktoren.

  1. Akzeptanz
  2. Optimismus
  3. Selbstwirksamkeit
  4. Verantwortung
  5. Netzwerkorientierung
  6. Lösungsorientierung
  7. Zukunftsorientierung

Eines der wichtigsten Erfolgsfaktoren resilienter Menschen jedoch ist die Bereitschaft, mit anderen über ihre Sorgen zu sprechen. Sie suchen immer die Nähe zu Menschen. Sie versuchen es gar nicht, ihre Probleme im Alleingang zu lösen.

Das wundert dich? Vielleicht denkst du eher, dass es ein Zeichen von Stärke ist, sich alleine durchzubeißen?

Doch selbst der stählerne Rocky gewann nur seinen entscheidenden Kampf, weil ihm 2 wichtige und nahestehende Menschen dabei halfen: Apollo und seine Frau.

Andere Menschen zu bitten, etwas zu fragen, mit ihnen ins Gespräch zu gehen, kann eine große emotionale Entlastung sein. Voraussetzung dafür ist, dass die Art der Beziehung gut ist und von gegenseitigem Respekt und Wertschätzung getragen wird.

 

Sozialkontakte

Es ist ungemein wichtig, eine gute Qualität von Sozialkontakten zu haben. Aber bedeutet das, so viele Menschen als möglich in seinem Umfeld zu haben, um auf möglichst viel zurück greifen zu können, wenn es in unserem Leben Probleme oder einschneidende Erlebnisse gibt?

Wir brauchen keine 20 oder 200 Menschen, Rocky hatte 2.

Es ist wichtig, dass wir einen kleinen Kreis an guten und vertrauenswürdigen Freunden und Bezugspersonen um uns haben.

Wir fühlen uns vor allem zu den Menschen hingezogen, denen wir vertrauen und die uns gut tun. Mit dieser Basis sind Kontakte eine echte Bereicherung.

Aber bei dem Wort „kontrakten“ und „netzwerken“ kommen bei dir gemischte Gefühle auf?

Vielleicht denkst du an aggressives Selbstmarketing und funktionellen Tauschhandel.

Das mag auch für die besten Jobs und Grundstücke sicher stimmen. Nur, wenn es um Menschen und Vertrauen geht, wird das nicht ausreichen, oder nur vorrübergehend.

Gute Kontakte im gesellschaftlichen Netz zu knüpfen und zu pflegen, scheinen eine wichtige Erfolgsstrategie zu sein.

 

Dein aktuelles Netzwerk

Der amerikanische Soziologe Mark Granovetter hat die bekanntesten Arbeiten zu sozialen Netzen veröffentlicht und ihre Bedeutung erforscht. Er untersuchte die Qualität der sozialen Beziehungen in unseren sozialen Netzwerken, um Aussagen über den Einfluß der Bezugspersonen auf einen Menschen zu treffen.

Betrachten wir unser aktuelles „Kontakt-Netz“. Wir alle haben es.

Da gibt es den Metzger deines Vertrauens, dein Friseur, dein Zahnarzt, das Lädchen um die Ecke, die Schulbetreuung, die Nachbarin, die deine Post annimmt und unzählige andere. Sie alle tragen schon jetzt dazu bei, dein Leben leichter zu machen.

Wie sieht dein soziales Netz aus? Welchen Menschen vertraust du? Und welche Menschen besitzen eine Fähigkeit, die dir in deiner Situation ein gutes Vorbild sein kann? Was machen sie anders, so dass du etwas davon nutzen kannst?

Anhand einer kurzen Checkliste können wir diese Menschen identifizieren:

  • Wer ist besonders optimistisch und kann dich motivieren?
  • Wer bringt dich zum Lachen?
  • Bei wem fühlst du dich entspannt?
  • Wer ist gut organisiert und wie macht er das?
  • Wer hat schon ähnliche Probleme gelöst?
  • Mit wem führst du die besten Gespräche?
  • Und wo kannst du noch mehr Beziehungs-Pflege machen, was fehlt?

Der letzte Punkt spricht den Punkt „Gleichgewicht“ an: Jede Beziehung braucht das Gefühl der Balance. Zu viele Verpflichtungen, aber auch Passivität sind beide schädlich für eine gute Beziehungs-Qualität. Die, die sich zu sehr in einer Beziehung engagieren, fühlen sich irgendwann enttäuscht, weil nichts zurückkommt. Und diejenigen, die auf dich passiv reagieren, haben kein Interesse daran, dich zu ihrer Vertrauensperson zu erküren.

Müssen wir zu einem extrovertierten Netzwerker werden? Was brauchst du, um gute Kontakte herzustellen und dir dabei treu zu bleiben?

 

Kontakt-fähig werden

Menschen anzusprechen, sie um etwas zu bitten und auch um Rat zu fragen, entlastet. Aber für manche ist es eine starke Hürde, die sie erst lernen müssen, zu überwinden.

Für Menschen, die an einer sozialen Phobie leiden oder ein sehr geringes Selbstwertgefühl haben, ist das eine große Herausforderung.

Kontaktfähigkeit ist ein Persönlichkeitsmerkmal. Da es kein festes, genetisches Merkmal ist, sondern eine soziale Fertigkeiten, ist sie trainierbar. Ist diese Fähigkeit zu stark oder nur gering ausgebildet, fehlt dem Menschen ein wichtiger Baustein, gut für sich zu sorgen.

Kontaktfähig zu sein, bedeutet, dass wir auch fremde oder wenig bekannte Menschen ansprechen, mit ihnen ein Gespräch führen und aus diesem Kontakt heraus eine Beziehung aufbauen können. Es bedeutet auch, zu anderen eine angemessene persönliche Beziehung zu pflegen.

 

Extrovertierte und introvertierte Menschen

Die beiden Ausprägungen des Extrovertismus und Introvertismus bestimmen unser Perönlichkeitsmerkmal. Extrovertierte können laute Staralüren haben. Sie scheinen jede Bühne zu beherrschen, suchen nach Kontakten, Aktivitäten und Aufmerksamkeit. Sie sind gute Marketer und kommen selten zur Ruhe.

Ist man eher introvertiert, sind Pausen und Rückzug sehr wichtig. Man wäre maßlos reizüberflutet mit einem Leben im Rampenlicht. Diese Menschen haben andere Stärken. Es täte ihnen nicht gut, die Welt des Extrovertierten nachleben zu wollen. Das würde sehr viel Energie kosten und unglücklich machen.

Beide Seiten können davon profitieren, ließen sie sich ab und zu von den Eigenschaften des anderen inspirieren.

Zu welchem Merkmal tendierst du?

 

Nähe und Distanz-orientierte Menschen

Nähe- oder Distanz-orientierte Menschen haben unterschiedliche Bedürfnisse.

Auf den ersten Blick, geben nähe-orientierte Menschen ihrem Umfeld schneller das Gefühl vertraut zu sein. Es tut ihnen gut, gebraucht zu werden. Sie fragen viel und sorgen sich um andere, oft über das Maß hinaus. Oft  können diese Menschen sich aber schwer abgrenzen. Auch da, wo es nötig und wichtig für sie wäre.

Distanz-orientierte Menschen werden von ihren Mitmenschen oft als kühl und unnahbar wahrgenommen. Sie brauchen diesen persönlichen Abstand zu anderen und müssen sich öfter zurück ziehen, um seelisch ausgeglichen zu sein. Sie tun sich oft schwerer damit, neue soziale Kontakte oder neue Freundschaften zu knüpfen. Und diese sind sehr wichtig für sie, damit sie sich nicht für längere zeit in ihre soziale Höhle zurück ziehen.

Treffen beide Ausprägungen nun aufeinander, können Mißverständnisse entstehen. Vor allem, wenn sie das Auftreten des anderen persönlich nehmen.
Nähe zuzulassen und Distanz auszuhalten ist eine starke Basis für Beziehungen. Die Balance ist wichtig.

Wo liegen deine Stärken?

 

Der Einzlkämpfer: ein Untyp

Der Einzelkämpfer ist nicht kontaktscheu. Er hat durchaus die Fähigkeit, Menschen anzusprechen. Aber in seinem Selbstverständnis wäre das ein Zeichen von Schwäche. Menschen um Hilfe zu fragen, bedeutet, sich nicht selbst helfen zu können, glaubt er. Diese Blöße gibt er sich nicht. Andere Einzelkämpfer  wollen wiederum nicht „in der Schuld“ von Menschen stehen.

Leben sie diese, oft starren Denkmuster wie Wahrheiten, werden Einzelkämpfer bald erschöpft. Lösungen drehen sich dadurch im Kreis, es kann nichts Neues hinzu kommen.

Der Gewinn zeigt sich z.B. bei Teams, die sich durch ihre Unterschiedlichkeit bereichern.

Wenden wir dieses Prinzip auf den Einzelgänger an, kann er auf 2 Weisen dazu gewinnen:

  • Er spart viel Energie, seine starre Position nicht mehr so verteidigen zu müssen
  • Er stärkt seine Resilienz, indem er durch andere flexibler in seinem Denken und Handeln wird

Einezlkämpfer dürfen sich für die Fragen stellen, die sie bisher ausgeschlossen haben, um an mehr Resilienz zu gewinnen:

  • Wie würden es andere Menschen machen?
  • Welche neue, hilfreiche Fähigkeit müsste ich dazu lernen?
  • Wer hat diese Fähigkeit bereits?
  • Was würde mir gut tun?
  • Wodurch wäre mein Leben leichter?

 

In Gemeinschaft leben

Für dein seelisches Wohlbefinden und deine Resilienz ist es wichtig, dass du dir eine Gemeinschaft aus Gleichgesinnten aufbaust und am Leben erhältst. Wenn dir bewusst ist, welch Persönlichkeitsmerkmale du hast, welche Bedürfnisse und was du zu geben hast (Stärken), wird dir das leichter fallen, dich mit Menschen zu umgeben, die dir gut tun.

Das geht auch ohne Großfamilie und Freundeskreis in deiner unmittelbaren Nachbarschaft.

Ganz egal, ob du deine Community digital oder im Telefonbuch suchst: Du bekommst das Gefühl: “ Ja, so geht`s, so komme ich weiter!“.

Und genau das sagt ein resilienter Mensch.

 

Ja, und was hat das alles mit der Telefonzelle zu tun….schau in deiner nach, welche wahren Begleiter sich darin versammelt haben!