Eigentlich haben wir alles, was wir brauchen, in uns selbst

 

Alle Kinder kommen mit einem Gehirn zur Welt, das in optimaler Weise auf die ganzheitliche Regulation der in ihrem Körper ablaufenden Prozesse vorbereitet und dafür optimal für Potentialentwicklung geeignet ist. Das Gehirn „weiß“ also, wie es mit dem Körper „zusammenarbeiten“, wie es körperliche Prozesse regulieren muss, um Entfaltung und Entwicklung zu ermöglichen. Dies wird im Lauf des späteren Lebens genutzt, um Unstimmigkeiten eben dieser körperlichen Beziehungsmuster zu identifizieren, und – wenn sie nicht unterdrückt werden – in Form von Schmerzen zu signalisieren.

Im Verlauf seiner Kindheit und Jugend lernt jeder Mensch aber auch, wie er sich verhalten sollte, wie er also seinen Körper steuern müsste, um die Grundbedürfnisse nach Nähe und Verbundenheit einerseits und nach Wachstum, autonomer Entwicklung und Freiheit andererseits zumindest notdürftig zu stillen. Was dazu erforderlich ist, und welche Erfahrungen der Betreffende dabei macht, hängt von der jeweiligen ihn umgebenden Welt und der dort entwickelten Beziehungskultur ab, mit all ihren Vorstellungen, Werten und Normen und den jeweiligen Haltungen und inneren Einstellungen maßgeblicher, d. h. für das eigene Überleben bedeutsamer Bezugspersonen. Auch diese sozialen Beziehungserfahrungen werden in Form von neuen Netzwerken im Gehirn verankert.

In einem eigenen, aktiven Prozess versucht jedes Kind und jeder Heranwachsende, die für die somatische Integration verantwortlichen Netzwerke mit den für die ebenfalls notwendige soziale Integration erforderlichen Denk- Fühl- und Verhaltensmustern in Einklang zu bringen. In der Regel werden dabei die für die somatische Regulation zuständigen Netzwerke innerhalb des jeweiligen übergeordneten, sozialen Bedeutungsrahmens genau so weiterentwickelt, angepasst und ausdifferenziert, wie es die Umwelt erforderlich macht.

 

Feldenkrais

 

Moshé Feldenkrais hat diesen Prozess der Herausformung von erlernten und gewohnheitsmäßigen Mustern als eine unbewusste, durch Abhängigkeit von bedeutsamen Bezugspersonen entstandene, aber selbstständig von den betreffenden Personen vollzogene Anpassungsleistung verstanden. Ihm war klar, dass diese Musterbildung die weitere Entfaltung der in einer Person angelegten Potenziale verhindert und deshalb dauerhaft wie eine Blockade wirkt.

Und er hat nachgewiesen, dass derartige Anpassungsleistungen auflösbar sind, und zwar durch die Wiederentdeckung der eigenen Möglichkeiten auf der körperlichen Ebene, insbesondere durch eine bestimmte Form der achtsamen Bewegung.

Und er hat auch erkannt, dass die Begeisterung über das Wiederfinden ursprünglich vorhandener, aber im Zuge der Anpassung beiseitegeschobener oder unterdrückter Bewegungsmuster die Fähigkeit zu Lernen wiederherstellt und damit neue Perspektiven für die Entfaltung eigener Potenziale eröffnet werden. Unabhängig vom Alter.

Wie kein anderer hat er die Wiederentdeckung der eigenen Möglichkeiten als entscheidende Voraussetzung für die Fähigkeit des Menschen gesehen, zeitlebens ein Lernender zu bleiben und dabei immer weiter über sich hinauszuwachsen. Und nicht zuletzt zählt er zu denen, die bereits im letzten Jahrhundert davon überzeugt waren, dass die bis heute noch immer weitverbreiteten [Willens]freiheit verneinenden Vorstellungen von der Natur des Menschen lediglich dazu dienen, den Menschen die Verantwortung für ihre eigene Entwicklung abzunehmen und sie an der Entfaltung ihrer Potenziale zu hindern.

 

Erst sich selbst, dann die Welt wiederentdecken

 

Das von Moshé Feldenkrais entwickelte Verfahren ist deshalb hochwirksam und effizient, wenn es um das Verlassen von eingefahrenen Handlungs- und Denkmustern geht, weil sie das Wiederfinden eigener, z.T. lange verschütteter Möglichkeiten gestatten. Auf diese Weise reaktivieren sie die eigene Begeisterung am Entdecken und Gestalten. Menschen, die solche Erfahrungen machen durften, fühlen sich nicht nur wieder neu mit sich selbst verbunden. Sie gewinnen auch ihre Zuversicht und ihr Selbstvertrauen zurück. Und all das ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen einander ohne Angst und ohne Vorurteile begegnen, dass sie einander einladen, ermutigen und inspirieren können, sich selbst und ihre Möglichkeiten noch einmal neu zu erkunden, um gemeinsam über sich hinauszuwachsen.

Es ist bemerkenswert, wie gut die von Moshé Feldenkrais entwickelten Denkansätze und Verfahren mit den neuen Einsichten der Hirnforschung im Einklang stehen und auf diese Weise naturwissenschaftlich begründbar werden.  Einer der Grundsätze dabei ist, dass wir am einfachsten lernen, wenn wir es wie ein Kind tun – durch Ausprobieren. Ein Baby experimentiert so lange, bis es ihm gelingt, sich vom Rücken auf den Bauch zu drehen. Nach diesem Lernverhalten sind auch die Lektionen der Feldenkrais-Methode aufgebaut. So oder so, Körper und Geist bleiben fit dabei.

Heute schauen wir der Herausbildung einer sich global ausbreitenden Feldenkrais-Bewegung zu. Einer Bewegung, die sich auch als Vorreiter einer neuen Beziehungskultur versteht. Einer Beziehungskultur, die das tiefe Grundbedürfnis aller Menschen nach Verbundenheit und Freiheit endlich zu stillen vermag.

Die Feldenkrais Methode hilft den Menschen heute, endlich das wiederzufinden, was sie im Lauf ihrer Eingliederung in einer immer komplexer werdenden Welt verloren haben: die liebevolle Beziehung zu sich selbst. Zu genesen, nach Krankheit besser zu gesunden. Ihr Potential zu entfalten. Im Kopf aktiv und kreativ zu bleiben. Und sich dann der Welt zuzuwenden. Jenseits irgendeiner Altersgrenze.